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59.000 Zuschauer am Millerntor sahen am Freitagabend ein Spiel, das sich anfühlte wie eine Achterbahnfahrt mit angezogener Handbremse. St. Pauli spielte mutig, wild und manchmal schön - verlor aber am Ende mit 1:2 gegen den frechen SC Verl, der sich von der Kulisse eher beflügelt als eingeschüchtert zeigte. Die Partie begann mit einem Paukenschlag - allerdings nicht sportlicher, sondern disziplinarischer Natur. Bereits nach 60 Sekunden sah Verls Johann Naumann Gelb, offenbar hatte er Urban Iversens Wade für den Ball gehalten. "Ich schwöre, ich hab den Ball gehört", verteidigte sich Naumann nach dem Spiel mit einem schiefen Grinsen. Danach nahm die Begegnung Fahrt auf. Verl, vom stets energiegeladenen Coach Big Bang (ja, so nennt er sich wirklich) offensiv eingestellt, suchte früh die Abschlüsse. Und in der 14. Minute klingelte es: Volker Baur zog aus 18 Metern ab, der Ball zischte an Freund und Feind vorbei ins rechte Eck - 0:1. Assistgeber Johann Naumann durfte sich rehabilitieren, diesmal mit einem blitzsauberen Pass in den Lauf. "Da war kurz Funkstille in der Abwehr", knurrte St. Paulis Trainer Gustav Holzhauer später. "Wir hatten wohl alle noch die Stadionmusik im Ohr." Doch St. Pauli wäre nicht St. Pauli, wenn sie sich davon beeindrucken ließen. Mit unbändigem Offensivdrang und 16 Torschüssen im gesamten Spiel drückte die Mannschaft auf den Ausgleich. In der 38. Minute gelang er: Alexander Darabont verwertete eine Hereingabe von Innenverteidiger Liam Rieger volley - ein Treffer aus dem Lehrbuch. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Darabont später. "Und diesmal hat der Ball tatsächlich gemacht, was ich wollte." Mit dem 1:1 ging es in die Pause, das Millerntor sang sich warm, und alles schien auf eine stürmische zweite Halbzeit hinauszulaufen. Doch Verl blieb eiskalt. In der 59. Minute überraschte ausgerechnet Linksverteidiger Lasse König die Hamburger Defensive. Nach einem Doppelpass mit Nils Wegener schob er den Ball flach ins lange Eck - 1:2. Ein Tor, das man so nicht unbedingt von einem Abwehrspieler erwartet. Holzhauer reagierte sofort, brachte in der 61. Minute den jungen Philipp Bertram für Albert Mino, zehn Minuten später folgte Fernando Alcantara für den glücklosen Wevers Lansing. Doch das Pauli-Feuerwerk verpuffte. Zwar hatten die Kiezkicker über 46 Prozent Ballbesitz und deutlich mehr Abschlüsse, doch der finale Punch fehlte. In der 74. Minute kam es dann noch schlimmer: Torschütze Darabont musste verletzt vom Platz - offenbar eine Zerrung. Für ihn kam Silvestre Canton. "Er hat sofort gefragt, ob er wenigstens noch einen Freistoß treten darf", erzählte Holzhauer augenzwinkernd. Während Pauli verzweifelt anlief, wechselte Verl kurios: In der 84. Minute nahm Coach Big Bang sowohl Torhüter Jacob Mayer als auch Torschütze König vom Feld - und brachte unter anderem den jungen Keeper Maurice Engel als Feldspieler. Auf die Frage, ob das Absicht war, meinte Bang nach dem Spiel trocken: "Manchmal muss man Chaos stiften, um Ordnung zu schaffen." Tatsächlich brachte dieses Chaos St. Pauli völlig aus dem Rhythmus. Zwar feuerten Alcantara (77. und 80.) sowie der eingewechselte Deniz Undav (89.) noch gefährliche Schüsse ab, aber der Ball wollte nicht mehr ins Tor. Verls Abwehr stemmte sich tapfer gegen die Schlussoffensive - und der Rest war Jubel in Schwarz-Weiß. "Wir wollten hier was mitnehmen, und das haben wir", sagte Doppeltorschützen-Vorbereiter Wegener, der mit einem breiten Lächeln in die Kameras winkte. "Und wer am Millerntor gewinnt, darf ruhig ein bisschen feiern." Holzhauer hingegen zeigte sich enttäuscht, aber nicht verbittert: "Wir hatten genug Chancen. Vielleicht hätten wir das Tor ein bisschen größer malen sollen." Unterm Strich war es ein Spiel mit viel Leidenschaft, leichten taktischen Verrücktheiten und einem SC Verl, der cleverer und kaltschnäuziger agierte. Der Ballbesitz von 53 Prozent spricht für Verls Ruhe am Ball, während St. Pauli zwar kämpfte, aber zu hektisch agierte. Am Ende blieb den Hamburgern nur der Applaus für den Einsatz - und der Frust über eine bittere Niederlage. "Das war kein Beinbruch", meinte Kapitän Iversen nach Abpfiff, "aber vielleicht ein kleiner blauer Fleck fürs Selbstvertrauen." Und so ging ein langer Abend zu Ende, an dem Verl die Rolle des Außenseiters genüsslich auskostete und St. Pauli sich fragte, wie man 16 Mal aufs Tor schießen kann - und trotzdem verliert. Vielleicht lag’s am Vollmond über dem Kiez. Oder daran, dass Big Bang seinem Namen mal wieder alle Ehre machte. 30.06.643987 04:17 |
Sprücheklopfer
Da kennen sie unseren Klub aber schlecht. Bei uns kehrt niemals Ruhe ein, denn es gibt nur oben oder unten. Und wenn man unten liegt, wird bei uns noch draufgetreten.
Toni Polster auf die Frage, ob nach einem 5:3 gegen Wolfsburg beim 1. FC Köln endlich Ruhe eintritt