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Es gibt Fußballabende, an denen man sich fragt, ob die Abwehrreihen kollektiv in den Kurzurlaub geflogen sind. Das 3:3 zwischen Greenstars GSC und den Kingston Boys an diesem lauen Februarabend war genau so einer - ein wildes, launisches, manchmal chaotisches, aber herrlich unterhaltsames Spektakel vor 60.236 enthusiastischen Zuschauern im National Stadium von Kingston. Schon die erste Viertelstunde ließ ahnen, dass hier niemand mit angezogener Handbremse spielte. Greenstars-Coach Ostkurve Berlin - ja, so hieß der Mann wirklich - hatte seine Elf offensiv eingestellt, mit starkem Pressing und vollem Einsatz. "Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit wehenden Fahnen", grinste er vor dem Anpfiff. Und sein Team hielt Wort: Michel Trottier und Charlie Cochran prüften den Kingston-Keeper Harry Poe früh und häufig. Der Ballbesitz war ausgeglichen (48,7 % für die Gastgeber), aber die Greenstars hatten deutlich mehr Zug zum Tor - ganze 15 Abschlüsse, während die Boys es nur auf acht brachten. Doch das erste Ausrufezeichen setzte der Gast. In der 22. Minute traf Alex Valentin für die Kingston Boys nach einem schnellen Konter über den linken Flügel. Der Jubel war groß, das Stadion kurzzeitig still - zumindest auf der Heimseite. "Ich hab einfach draufgehalten, weil keiner kam", sagte Valentin später lachend. Die Greenstars antworteten prompt: Nur vier Minuten später staubte Nachwuchsstürmer Michel Trottier nach Vorarbeit von Thierry Maurice zum 1:1 ab. Und weil das Spiel offenbar beschlossen hatte, ohne Ruhephasen auszukommen, legte Greenstars’ Mittelstürmer Charlie Cochran in der 32. Minute nach - 2:1. Die Fans tanzten auf den Rängen, während Kingston-Coach Mahatma Haathi mit verschränkten Armen am Spielfeldrand stand und aussah, als meditiere er sich in eine bessere Defensivordnung. Seine Gebete wurden noch vor der Pause erhört: Asier Meireles köpfte nach Flanke von Raffaello Marchi in der 45. Minute zum 2:2 ein - Pausenpfiff, kollektives Durchatmen. Nach dem Seitenwechsel blieb es ein offener Schlagabtausch, allerdings mit einer Wendung: Kingston-Verteidiger Georgios Makris sah in der 67. Minute glatt Rot, nachdem er Greenstars-Stürmer Cochran mit einem beherzten Tritt von den Beinen holte. "Er traf mehr Schienbein als Ball", kommentierte Schiedsrichterin Lorna James trocken. Der Platzverweis war der Startschuss für eine wilde Schlussphase. Kaum in Unterzahl, überraschten die Kingston Boys alle: In der 68. Minute zog der 34-jährige George Cromwell aus 20 Metern ab - Tor! 3:2 für die Gäste. Haathi riss die Arme hoch, die Bank tobte. "Wir spielen eben besser, wenn wir weniger Platz haben", witzelte Cromwell danach. Doch die Greenstars gaben nicht auf. Trainer Berlin reagierte mit einem ungewöhnlichen Doppelwechsel: Er brachte in der 74. Minute Ersatztorwart Jay Dunn - und alle dachten, das sei ein Tippfehler auf der Anzeigetafel. "Vincent hatte Krämpfe in beiden Waden, und Jay ist ein guter Elfmetertöter. Man weiß ja nie", erklärte Berlin später mit einem Augenzwinkern. Ganz ohne Elfmeter kam es dann doch nicht, aber Greenstars bekam eine letzte Chance - und nutzte sie. In der 78. Minute zirkelte Franck Bridges eine butterweiche Flanke auf den jungen Dominique Landry, der volley zum 3:3 einschweißte. Ein Tor, das man sich in Zeitlupe einrahmen möchte. "Ich hab einfach gehofft, dass er reingeht - und dann war er drin", sagte Landry, der mit 20 Jahren schon die Coolness eines Routiniers zeigte. In der Schlussphase drückten die Greenstars, doch es blieb beim Unentschieden. Kingston verteidigte mit zehn Mann, als hinge das Schicksal der Insel davon ab. Und als Schiedsrichterin James endlich abpfiff, fielen sich beide Teams in die Arme - müde, aber zufrieden. "Das war kein Fußballspiel, das war ein Karneval", lachte Greenstars-Coach Berlin in der Pressekonferenz. "Aber meine Jungs haben Charakter gezeigt." Sein Gegenüber Haathi nickte und sagte mit stoischer Ruhe: "Ein Punkt ist besser als kein Punkt. Außerdem: Wer drei Tore auswärts schießt, darf sich nicht beschweren." Die Statistik untermauert den Eindruck: Greenstars mit mehr Torschüssen und leicht besserer Zweikampfquote (52,6 %), Kingston mit etwas mehr Ballbesitz. Unterm Strich ein gerechtes Ergebnis in einem Spiel, das alles hatte - Tore, Karten, Emotionen und einen Platzverweis für die Galerie. Oder wie ein junger Fan beim Verlassen des Stadions sagte: "Ich wollte eigentlich früh nach Hause. Aber wer geht schon, wenn’s so schön verrückt ist?" Ein 3:3, das keiner so schnell vergisst - und das einmal mehr beweist, dass Fußball auf Jamaika nicht nur gespielt, sondern gelebt wird. 22.09.643990 18:00 |
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