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Ein lauer Abend in Cali, 59.000 Zuschauer, Trommeln, Gesänge und diese unausgesprochene Ahnung, dass hier wieder etwas völlig Verrücktes passieren würde. Americano Cali gegen UD Bucaramanga - das klang schon nach Drama, und das Spiel hielt, was die Ansetzung versprach: 3:3, sechs Tore, ein verletzter Flügelspieler, gelbe Karten im Übermaß an Gestik - kurz: kolumbianischer Fußball, wie er leibt und lebt. Schon in den ersten Minuten war klar, dass Bucaramanga mit offenem Visier angereist war. Drei Torschüsse in den ersten zehn Minuten, einer wilder als der andere. Antonio Hermenegildo, der bullige Mittelstürmer mit der Frisur eines Rockstars, prüfte den Keeper Nevio Custodio in der zweiten Minute mit einem Schuss, der eher an eine Kanonenkugel erinnerte. "Ich wollte nur sehen, ob er wach ist", grinste Hermenegildo später. Er war es - aber nicht lange. In der 23. Minute war es dann Iker Allegri, der nach feinem Zuspiel eben jenes Hermenegildos zur frühen 1:0-Führung einschoss. Während die Fans der Gäste jubelten, schien Americano-Trainer Gwydion ForChampion (ja, der heißt wirklich so) einmal tief durchzuatmen. Seine Mannschaft antwortete prompt - mit Flügelspiel, wie es im Lehrbuch steht. Duarte Gonzalez über rechts, die Flanke perfekt in den Lauf von Paulo Bischoff, und der 22-Jährige drosch den Ball in der 32. Minute unter die Latte. 1:1, und das Stadion bebte. "Duarte hat mich angeschrien: ’Lauf!’ - also bin ich gelaufen", lachte Bischoff nach dem Spiel, bevor er sich an den Oberschenkel fasste. Denn in der 69. Minute war für ihn Schluss - Verletzung. Ein Sprint zu viel, eine Zerrung zu weit. Während er humpelnd vom Platz ging, hatte sich das Spiel längst in ein offenes Feuerwerk verwandelt. Nach der Pause kam Bucaramanga mit noch mehr Druck zurück. In der 50. Minute vollendete Damiano Decollatura einen Konter über Pascal Letourneur zum 2:1. Schön herausgespielt, eiskalt abgeschlossen - und der Jubel des Italieners war so theatralisch, dass man kurz dachte, er habe gerade die Copa Libertadores gewonnen. Doch Americano wäre nicht Americano, wenn sie nicht in Schönheit untergingen - oder eben auferstanden. In der 62. Minute flankte Linksverteidiger Miguel Nani butterweich auf Piergiorgio Nocera, der per Kopf zum 2:2 ausglich. Die Fans tobten, und Trainer ForChampion sprang erstmals von seiner Bank auf, allerdings nur, um dem Vierten Offiziellen etwas über "diese verdammten Linienrichter" zu erklären. Dann folgte die verrückteste Phase: In der 69. Minute - kaum war Bischoff verletzt raus - bediente Antonio Melendo den 19-jährigen Manuel Oliveira, der eiskalt zum 3:2 für Cali einschob. Ein Teenager bringt 59.000 Menschen zum Tanzen - Fußball kann grausam schön sein. Zwei Minuten später kam Bucaramanga zurück. Natürlich war es wieder Hermenegildo, diesmal nach Vorarbeit des quirligen Youngsters Rafael Galindo. 3:3. Und plötzlich hatte man das Gefühl, beide Mannschaften hätten beschlossen, die Abwehrarbeit bis Montag auszusetzen. Die Schlussminuten gehörten dann Bucaramanga. Ganze 21 Torschüsse hatte die Truppe von Trainer Papa Ancelotti am Ende auf dem Konto - Americano kam auf gerade mal acht. Doch Custodio im Tor der Gastgeber hielt, was zu halten war. In der 90. Minute noch einmal Decollatura frei vor ihm - und der Keeper riss die Faust hoch, als wolle er sagen: "Nicht heute, mein Freund." Nach Abpfiff sah man zwei Trainer, die beide nicht wussten, ob sie sich freuen oder ärgern sollten. "Ein Punkt ist zu wenig, wenn man so viele Chancen hat", knurrte Ancelotti, der auf seine Zigarette verzichtete, aber nicht auf Sarkasmus: "Vielleicht hätten wir das siebte Tor gebraucht, um zu gewinnen." ForChampion hingegen nahm’s mit Humor: "Wir haben drei geschossen, drei bekommen - das ist immerhin mathematisch ausgeglichen." Die Statistik sprach klar für Bucaramanga (52 Prozent Ballbesitz, mehr Zweikämpfe gewonnen, 21 Schüsse), aber das Herz des Spiels gehörte Cali. Der verletzte Bischoff winkte von der Bank, Oliveira bekam Standing Ovations, und irgendwo auf der Tribüne summte jemand: "So spielt nur Americano." Und so endete ein Abend, der eigentlich keiner Niederlage und keinem Sieg gehörte - sondern schlicht dem puren Wahnsinn des Fußballs. Oder, wie ForChampion beim Hinausgehen murmelte: "Wenn jedes Unentschieden so schön wäre, würde ich nie wieder gewinnen wollen." Das Publikum lachte. Und nickte. 22.04.643994 09:50 |
Sprücheklopfer
Sicherlich haben wir im Moment einen kleinen Lauf, aber Lauf heißt ja bekanntlich Lauf, weil's von laufen kommt.
Matthias Sammer