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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob Fußballgötter Humor haben. 27.000 Zuschauer in Lustenau sahen ein Spiel, das alles bot: Spannung, Dramatik, Gelbe Karten in Serie und ein Platzverweis - und am Ende jubelten die Gäste aus Graz über ein 2:1, das so spät kam, dass selbst der Stadionsprecher schon nach dem Abpfiff griff. Von Beginn an war klar, dass hier kein Abtasten stattfinden würde. Schon in der zweiten Minute prüfte Julius Fritsch den Lustenauer Keeper Luis Baum mit einem satten Schuss aus 20 Metern. "Ich wollte nur schauen, ob er wach ist", grinste Fritsch später. Baum war wach. Und Lustenau wehrte sich - in der 7. Minute setzte Yannik Wirth einen ersten Warnschuss über die Latte. Die erste Halbzeit war ein Abbild der Statistik: ausgeglichen bis ins letzte Prozent. 50,4 Prozent Ballbesitz für Lustenau, 49,6 für Graz. Beide Teams suchten die Lücke, fanden aber meist nur Beine, Trikots oder den eigenen Frust. Und so ging es torlos in die Kabine - begleitet von einem durchaus vernehmbaren Pfeifkonzert der Heimfans. "Wir wussten, dass sie irgendwann nervös werden", verriet Graz-Trainer Matt Steu nach dem Spiel. Und er sollte recht behalten. Nach Wiederanpfiff kam Bewegung ins Spiel - und zwar in beide Richtungen. Erst kassierte Lustenau in Minute 49 die zweite Gelbe, dann in der 61. Minute das erste Gegentor: Der junge Aaron Edwards, gerade erst eingewechselt, vollendete eine butterweiche Flanke von Julius Fritsch zum 0:1. Der Jubel im Gästeblock war so laut, dass sogar der Linienrichter kurz vergaß, den Arm zu heben. Doch Lustenau antwortete prompt - und wie! Nur fünf Minuten später zirkelte Horst Freitag einen Pass in den Lauf von Oliver Karl, der aus spitzem Winkel eiskalt ins lange Eck traf. 1:1, das Stadion tobte. "Ich hab einfach draufgehalten", erklärte Karl mit einem Schulterzucken. Ein Satz, der in der Kabine vermutlich noch öfter zitiert werden wird. Dann kam die 69. Minute, und mit ihr das Unglück: Erik Kirsch, der schon in der 31. Gelb gesehen hatte, kam erneut zu spät - und sah Gelb-Rot. "Ich hab den Ball gespielt, nur leider war der Ball schon weg", murmelte er später zerknirscht. Fortan spielte Lustenau in Unterzahl, und die Gäste witterten ihre Chance. Graz erhöhte den Druck, Eugenius Putnam prüfte Torwart Baum mehrfach, doch der hielt, was zu halten war. Bis zur 92. Minute. Da kam der Ball über links zu Aaron Edwards, der querlegte - und James Besserer schob zum 2:1 ein. Die Grazer Bank explodierte, während die Lustenauer Spieler ungläubig die Hände in die Hüften stemmten. "Wir haben alles reingeworfen, aber am Ende war’s ein bitterer Stich", sagte Torschütze Karl nach dem Spiel. Trainer Steu hingegen schmunzelte: "Wir sind vielleicht nicht die Schönsten, aber manchmal die Glücklichsten." Die Statistik liest sich fast wie ein Unentschieden: 9:13 Torschüsse, 50:50 Ballbesitz, vier Gelbe Karten für jeden Geschmack. Und doch war es Graz, das den entscheidenden Punch setzte - dank eines Jokers in Minute 61 und eines eiskalten Finishers kurz vor Mitternacht. Ein kleiner Dialog auf der Tribüne fasste den Abend wohl am besten zusammen. "So ein Spiel kannst du nicht verlieren", sagte ein Lustenauer Fan. "Haben sie ja auch nicht", antwortete sein Nachbar trocken, "sie haben’s verschenkt." Und so endete ein packender Abend mit einem Déjà-vu für Lustenau: Gut gespielt, beherzt gekämpft, am Ende leer ausgegangen. Vielleicht tröstet sie der Applaus der 27.000, vielleicht aber auch nicht. Für Graz hingegen war’s ein Sieg mit Symbolkraft - einer, der zeigt, dass Geduld manchmal die beste Taktik ist. Oder, wie Siegtorschütze Besserer später grinsend meinte: "Neunzig Minuten sind lang. Zweiundneunzig sind länger." Ein Spiel, das keiner so schnell vergisst - vor allem nicht die, die schon auf dem Weg zum Parkplatz waren, als das Netz noch ein letztes Mal zitterte. 25.08.643987 01:42 |
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