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Es war einer dieser Abende, an denen im Stadion von Quebec die Kälte in die Finger kroch, aber die Stimmung heiß blieb. 43.500 Zuschauer sahen ein Fußballspiel, das lange nach einem Lehrvideo über vergebene Chancen aussah - bis Yves Crichton in der 85. Minute die Geduld aller belohnte und die Quebec Blues mit 1:0 gegen London United zum Sieg schoss. Dabei hatten die Blues alles andere als Glück im Abschluss. 17 Torschüsse, ein Treffer - das Verhältnis spricht Bände. Ihr Trainer Lutz Lindemann lachte nach dem Abpfiff trocken: "Wir hätten auch mit 5:0 gewinnen können. Oder mit 0:0. Beides war heute möglich." Er hatte nicht Unrecht. Denn was seine Mannschaft da ablieferte, war eine Mischung aus Angriffswucht und Verzweiflungstat. London United, angereist mit der stolzen Ansage ihres Trainers Ron Wiesel, man wolle "den Blues das Blau austreiben", begann forsch und hatte durch Vincent Lenentine in der 7. Minute sogar den ersten Torschuss. Doch das war’s dann fast aus englischer Sicht. Zwei Torschüsse in 90 Minuten - statistisch gesehen kaum mehr als das, was ein Torwart beim Aufwärmen kassiert. Quebec dagegen legte los, als wolle man das Torverhältnis der gesamten Saison aufpolieren. Schon nach 16 Minuten prüfte Aaron Wyler Londons jungen Keeper Frederic Berard, der mit einer sensationellen Parade glänzte. "Ich hab den Ball gar nicht gesehen, nur gespürt", grinste der 19-Jährige später - und man glaubte es ihm sofort. Barend Veeder auf links, Marwin Sonnenschein im Zentrum, Oliver Schmitt auf rechts - die Offensivreihe der Blues rackerte unermüdlich. Immer wieder rauschten Flanken in den Strafraum, immer wieder landete der Ball genau dort, wo kein Stürmer stand. "Wir haben das Tor umzingelt, aber keiner wollte den letzten Schuss wagen", sagte Mittelfeldmann Oscar Sancho und seufzte, "am Ende hab ich fast gebetet, dass einer einfach mal draufhaut." Das tat schließlich Crichton. Nach Vorlage des eingewechselten Christopher Berard zog der 33-Jährige ab - trocken, halbhoch, unhaltbar. 85. Minute, das Stadion explodierte. Crichton, sonst eher der ruhige Typ, sprang in die Luft und schrie sein Glück heraus. "Ich wollte schon vorher schießen", verriet er später, "aber Christopher sagte: ’Warte, gleich ist die Lücke da.’ Ich hab ihm vertraut - zum Glück!" Lindemann, an der Seitenlinie sonst kein Mann großer Gesten, riss beide Arme hoch und drehte sich sofort zu seinem Co-Trainer: "Siehst du, manchmal lohnt sich Geduld. Aber nur manchmal!" Im Pressegespräch danach ergänzte er mit einem Augenzwinkern: "Ich hätte Yves auch schon in der 60. Minute rausgenommen - gut, dass ich’s nicht getan habe." London United wirkte nach dem Gegentreffer platt. Kein Aufbäumen, kein Risiko, keine Wut. Trainer Wiesel schob es auf die Müdigkeit: "Wir sind viel gereist, und irgendwie war heute der Tank leer." Übersetzt heißt das wohl: "Wir hatten einfach nichts mehr im Köcher." Statistisch gesehen war das Spiel ein Kuriosum: London hatte mit 52,7 Prozent sogar mehr Ballbesitz, schaffte aber kaum Zug zum Tor. Quebec dagegen zeigte, wie aggressives Pressing aussehen kann - selbst in der 90. Minute liefen sie noch an, als hinge das Leben davon ab. Die Fans in Quebec sangen sich warm, während die Spieler sich in den Armen lagen. Berard, der Vorlagengeber, grinste: "Ich hab schon viele Tore vorbereitet, aber selten eins, das so sehr nach Arbeit roch." Und Crichton nickte zufrieden: "Wenn man 84 Minuten anrennt, schmeckt das Tor einfach doppelt so gut." So bleibt am Ende ein verdienter Sieg für die Blues, die mit nunmehr drei Punkten mehr in der Tabelle wieder Anschluss an die obere Hälfte finden. London dagegen wird sich fragen, wie man 90 Minuten lang so harmlos bleiben kann - und vielleicht die Antwort im Trainingslager suchen. Lutz Lindemann verabschiedete sich mit einem trockenen Kommentar: "Wir sind keine Schönspieler, aber heute haben wir die drei Punkte schön gespielt." Und als er in den Kabinengang verschwand, rief ein Fan von der Tribüne: "Mach’s wieder so nächste Woche, Lutz!" - worauf der Trainer nur grinste und zurückrief: "Nur wenn’s wieder in der 85. Minute klappt!" Ein Abend also, der spät kam, aber umso süßer schmeckte - ganz nach dem Motto: Geduld ist manchmal die beste Taktik, auch im Fußball. 14.05.643987 19:12 |
Sprücheklopfer
Wenn ich so Fußball gespielt hätte wie Berti Vogts, so als reiner Wadenbeißer, dann hätte ich mit 18 Jahren meine Fußballschuhe verbrannt.
Klaus Toppmöller