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Wer 84 Minuten lang glaubt, Fußball sei ein Geduldsspiel, der hat am Sonntagabend im Stadion von Itauguá recht behalten - und wurde dann doch eines Besseren belehrt. AD 12 Octubre besiegte UD 2 de Mayo mit 1:0, dank eines späten Treffers von Marcio Ruy, der sich in die Herzen der 42.553 Zuschauer schoss. Es war kein Spiel für Feingeister, eher für Freunde des gepflegten Nervenzusammenbruchs. Trainer Tommy Tomsen hatte seine Jungs von 12 Octubre offensiv eingestellt - aggressiv, mit viel Einsatz, aber auch mit jener Portion Chaos, die man nur lieben kann, wenn man keine Herzprobleme hat. 19 Torschüsse feuerten die Hausherren ab, während die Gäste aus Pedro Juan Caballero mit acht Versuchen eher zurückhaltend blieben. Trotzdem hatte UD 2 de Mayo mit 51 Prozent Ballbesitz leicht die Nase vorn - zumindest statistisch. "Ich hab’ den Ball nur so erwischt, weil Albert ihn genau im richtigen Moment rübergelegt hat", grinste Torschütze Marcio Ruy später in der Mixed Zone. "Ehrlich, ich wollte eigentlich flanken - aber dann dachte ich: Ach, warum nicht?" Sein Trainer Tomsen konterte mit trockenem Humor: "Wenn das eine Flanke war, soll er ab morgen bitte nur noch flanken." Dabei hatte alles nach einem dieser 0:0-Spiele ausgesehen, die man schon zur Halbzeit innerlich abhakt. 12 Octubre begann stürmisch, Ruy prüfte den Gästetorhüter Xavi Hernando bereits in der 12. Minute, kurz darauf zog Jack Wyler aus der Distanz ab - vorbei. Der Ballbesitz wechselte ständig, und UD 2 de Mayo lauerte auf Konter, als ginge es um eine Kunstform. Besonders der 18-jährige Paolo Fossato zeigte mit zwei schnellen Abschlüssen in der ersten Halbzeit, dass er kein Respektproblem hat. Kurz vor der Pause stand das Publikum schon halb auf den Sitzen, als Linksaußen Alexander Catrall eine Flanke auf den Kopf bekam - und sie ebenso spektakulär wie unkontrolliert neben das Tor setzte. "Ich hab’ den Wind unterschätzt", meinte er später mit einem Grinsen. "Oder der Ball hat mich." Nach dem Seitenwechsel dasselbe Bild: 12 Octubre rannte an, 2 de Mayo verteidigte. Die Gäste wirkten spielerisch gefälliger, doch im letzten Drittel fehlte die Präzision. Trainer Nurullah Sahin, sonst ein Muster an Gelassenheit, war an der Seitenlinie zunehmend ein Vulkan. In der 70. Minute schickte er den jungen Gabriel Landry aufs Feld - frischer Wind, aber kein Sturm. "Wir wollten mehr über die Flügel kommen", erklärte Sahin. "Hat geklappt - nur leider ohne Tor." Auf der anderen Seite brachte Tomsen mit Julian Blanco (statt Ruben Hernandez) einen 19-Jährigen, der sich sofort mit einem satten Schuss in Szene setzte. Hernando im Gästetor parierte glänzend - und wurde von den Fans von 2 de Mayo mit einem Banner gefeiert, auf dem stand: *"Xavi, unser Wand!"* Dann, die 84. Minute: Albert Teixeira erobert im Mittelfeld den Ball, spielt einen dieser cleveren, unspektakulären Pässe, die man erst in der Zeitlupe richtig würdigt. Marcio Ruy startet, nimmt den Ball mit, ein Haken, ein Schuss - 1:0! Das Stadion explodiert. Der Torjubel war so laut, dass selbst die nahegelegene Tankstelle kurzzeitig die Musik ausmachte (angeblich). UD 2 de Mayo warf in den letzten Minuten alles nach vorn, wechselte noch einmal offensiv, und tatsächlich kam Fossato in der 87. Minute noch einmal frei zum Schuss - doch Torhüter Liam O’Leary, der bis dahin eher Zuschauer war, fischte den Ball mit einer Flugeinlage aus dem Eck, die selbst Superhelden neidisch gemacht hätte. "Das war ein dreckiger Sieg - aber meiner Meinung nach der schönste", sagte Tomsen nach Abpfiff. Und fügte mit feinem Lächeln hinzu: "Wir haben vielleicht nicht den Ball, aber wir haben das Tor." Sein Gegenüber Sahin war weniger begeistert: "Wir haben gut gespielt, aber Fußball wird leider nicht nach Ballbesitz entschieden. Vielleicht erfindet das irgendwann jemand." Mit diesem Sieg festigt 12 Octubre seinen Platz im Mittelfeld der 1. Liga Paraguay, während 2 de Mayo weiter auf der Suche nach einem Auswärtssieg bleibt. Vielleicht hilft ein Blick auf die Statistik: 46 Prozent gewonnene Zweikämpfe sind einfach zu wenig gegen ein Team, das notfalls auch mit dem Kopf durch die Wand geht - und das im wörtlichen Sinne. Zum Schluss, als die Lichter langsam ausgingen und die Fans noch immer sangen, blieb nur eine Erkenntnis: Fußball ist manchmal gnadenlos, meistens unlogisch - und genau deshalb so wunderbar. 31.05.643993 16:03 |
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Berti Vogts ist die arme Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird.
Rainer Calmund