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Ein warmer Abend in Spanish Town, 53.487 Zuschauer, ein Flutlichtspiel, das so ziemlich alles bot, was das Fußballherz zwischen Vorfreude und Verzweiflung schlagen lässt. Am Ende stand ein 2:2 zwischen den Gastgebern von Spanish Town und den Kingston Boys - ein Ergebnis, das beiden Teams schmeichelte und gleichzeitig keinen so recht glücklich machte. Schon der Auftakt ließ erahnen, dass das kein gemütlicher Spaziergang werden würde. Kaum hatte Schiedsrichter Morales angepfiffen, da drosch Bram Leyn den Ball nach einer Minute Richtung Tribüne, als wolle er das Publikum persönlich begrüßen. "Ich wollte gleich mal ein Zeichen setzen", grinste der bullige Mittelstürmer später - das Zeichen war allerdings mehr akustischer Natur, als die Kugel klatschend an der Anzeigetafel landete. Nach acht Minuten kam dann die erste echte Explosion: George Deschanel, der flinke Linksstürmer von Spanish Town, nahm eine Hereingabe von Ricardo Gomes direkt und jagte das Leder volley unter die Latte. 1:0 - kaum war der Torjubel verklungen, rief Trainer Ioannis Exis seinem Verteidiger Gomes zu: "Siehst du, Ricardo, manchmal lohnt sich der Ausflug nach vorne!" Der grinste nur und deutete mit dem Daumen Richtung Himmel: "Alles Teil des Plans." Doch Kingston Boys wären nicht Kingston Boys, wenn sie nicht zurückbellen würden. In der 25. Minute nutzte Frederic Balzac einen Moment der Unordnung in der Defensive. Nach einer Ecke von Liam Grantham stand er goldrichtig und drückte den Ball über die Linie - 1:1. Trainer Mahatma Haathi ballte die Faust, blieb aber gewohnt philosophisch: "Wir sind wie der Fluss - wir finden immer einen Weg." Spanish Town aber ließ sich nicht beirren. Nur acht Minuten später zirkelte erneut Ricardo Gomes einen langen Pass auf Bram Leyn, der diesmal zielte statt zielte, und traf. 2:1. Das Stadion bebte, Trainer Exis sprang seinem Co-Trainer in die Arme, während Leyn später trocken meinte: "Ich hab einfach die Augen zugemacht." Mit dieser Führung ging’s in die Pause. Die erste Hälfte war ein Spiegelbild der Statistik: 51 Prozent Ballbesitz für Spanish Town, 17 Torschüsse zu 10 - viel Aufwand, etwas Chaos, aber reichlich Unterhaltung. Die zweite Halbzeit begann mit einem gelben Karton für Luís Prieto (Kingston, 57.), der wohl dachte, ein kleiner Stoß sei ein erlaubter Gruß an den Gegenspieler. Vier Minuten später war der gleiche Prieto dann wieder im Rampenlicht - diesmal als Vorlagengeber: Sein präziser Diagonalball fand im Rückraum Thierry Farnsworth, der den Ball mit der Innenseite in den Winkel schlenzte. 2:2, Ausgleich, und plötzlich roch alles nach einer Wendung. "Ich hab ihn gar nicht kommen sehen", gestand Spanish-Town-Keeper Christophe Marcel hinterher. "Ich dachte, er flankt." Farnsworth hingegen lächelte: "Ich auch - bis der Ball drin war." Ab der 65. Minute wurde es ruppiger. Miguel Andrade (Kingston) verletzte sich nach einem Sprintduell mit Leachman und musste raus; für ihn kam Guillaume Pienaar. Trainer Haathi legte ihm vor dem Einwechseln die Hand auf die Schulter: "Mach’s besser, aber nicht kaputt." Spanish Town drängte in der Schlussphase mit Macht. Bram Leyn prüfte Torhüter Harry Poe gleich mehrfach - in der 79., 80. und 83. Minute, als wolle er den Mann aus Kingston hypnotisieren. Poe aber blieb stoisch und fischte die Bälle wie Kokosnüsse von der Linie. "Ich hab einfach die Augen zugemacht", witzelte er später - offenbar ein beliebter Trick an diesem Abend. In der 87. Minute versuchte es Linksverteidiger Sebastien Leachman noch einmal aus der Distanz, dann folgte in der Nachspielzeit Göran Ohlson, der alte Regisseur im Mittelfeld, mit einem letzten Versuch. Doch das Netz blieb unberührt, und kurz darauf pfiff Morales ab. 2:2 - ein gerechtes, wenn auch wildes Ergebnis. Spanish Town hatte etwas mehr vom Spiel, Kingston die klügeren Momente. Trainer Exis bilanzierte: "Wir haben zwei Punkte verloren und einen gewonnen - das muss man erstmal schaffen." Sein Gegenüber Haathi nickte bedächtig: "Das Leben ist wie Fußball - manchmal triffst du, manchmal den Pfosten." Statistisch war’s ein Duell auf Augenhöhe: 51,5 Prozent Ballbesitz für die Gastgeber, 17:10 Torschüsse, zwei Gelbe, eine Verletzung, etliche Nerven. Und irgendwo zwischen Taktiktafeln und tropischer Nachtluft blieb das Gefühl, dass hier zwei Teams gespielt haben, die eigentlich lieber gewonnen hätten - aber wenigstens wussten, wie man das Publikum unterhält. Oder wie ein Fan beim Verlassen des Stadions sagte: "Das war kein Fußballspiel, das war ein Herzinfarkt mit Halbzeitpause." 22.09.643990 07:10 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer