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Ein lauer Januarabend, 20:30 Uhr, Flutlicht, 16.000 Zuschauer im Estadio de los Pinares - und am Ende ein 2:2, das allen irgendwie schmeckt und doch niemanden richtig glücklich macht. CD Soria und Bites Sevilla lieferten sich am 27. Spieltag der 2. Liga Spanien ein Duell, das weniger durch Taktik als durch Temperament glänzte. Schon in der 13. Minute rieb sich mancher Zuschauer die Augen: Joseba Duran, der flinke Linksaußen der Andalusier, traf nach Vorarbeit von Innenverteidiger Jorge Hermenegildo - jawohl, Innenverteidiger! - zum 0:1. "Ich hab einfach nach vorne geschaut und Joseba rennen sehen. Dann dachte ich, warum eigentlich nicht?", grinste Hermenegildo später. Trainer Hamudi Salman hob nur die Augenbraue: "Wir trainieren das so. Na gut, fast so." Soria, eigentlich mit offensiver Grundausrichtung gestartet, wirkte in der ersten Halbzeit wie ein Sportwagen mit angezogener Handbremse. Ballbesitz knapp 48 Prozent, kaum Zug zum Tor, nur zwei Schüsse, die wirklich gefährlich aussahen - beide von Iban Forque, der ansonsten mehr mit gestikulierendem Frust auffiel als mit Torabschlüssen. Nach der Pause aber änderte sich das Bild schlagartig. Vielleicht lag’s an der Halbzeitansprache, vielleicht am Kaffee in der Kabine. Jedenfalls kam Soria mit einem Feuer zurück, das selbst die andalusischen Fans kurz verstummen ließ. In der 50. Minute zog Cedric Reyns von links nach innen, bekam den Ball von Joan Marco serviert und versenkte trocken zum 1:1. Kaum hatten die Zuschauer ihren Jubel geordnet, stand es schon 2:1 - Fernando Varela hatte nur eine Minute später zugeschlagen. Zwei Tore in 120 Sekunden, das nennt man wohl einen Weckruf. "Wir haben uns gegenseitig angeschrien, dass wir endlich Fußball spielen sollen", erzählte Reyns nach dem Spiel lachend. "Manchmal hilft Kommunikation." Bites Sevilla wirkte kurz geschockt. Doch die Gäste rappelten sich wieder auf, übernahmen mit zunehmender Spieldauer die Kontrolle und kamen zu mehr Abschlüssen - insgesamt zehn Torschüsse, drei mehr als die Hausherren. Vor allem der 22-jährige José María Olazabal prüfte den Soria-Keeper Marcel Baillon mehrfach, der sich mit glänzenden Paraden auszeichnete. In der 81. Minute fiel schließlich der verdiente Ausgleich: Der erst 19-jährige Sergi Gonzalez setzte sich auf der linken Seite durch, flankte scharf nach innen, wo Adrian Rivilla den Ball humorlos unter die Latte drosch. 2:2 - und plötzlich war wieder alles offen. Die letzten zehn Minuten gerieten zum offenen Schlagabtausch. Beide Teams wollten den Sieg, doch beiden fehlte die Präzision. Der Ballbesitz - 52 zu 48 Prozent zugunsten Sevillas - spiegelte das Spiel nur bedingt wider: Soria rannte, Sevilla kombinierte, und am Ende stand ein Ergebnis, das man wohl als "gerecht, aber irgendwie unbefriedigend" bezeichnen muss. "Wenn du auswärts zwei Tore machst, willst du eigentlich gewinnen", knurrte Sevillas Coach Hamudi Salman nach dem Abpfiff. "Aber wir haben kurz die Ordnung verloren - und Soria hat das eiskalt genutzt." Auf der anderen Seite zeigte sich Sorias Trainer - man munkelt, er habe während des Spiels mehr Kilometer an der Seitenlinie gemacht als mancher Spieler auf dem Platz - erstaunlich gelassen: "Ein Punkt ist ein Punkt. Und ehrlich gesagt: Nach der ersten Halbzeit hätte ich den sofort unterschrieben." Die Fans sahen es ähnlich. "Das war nix für schwache Nerven", keuchte ein älterer Herr auf der Tribüne, während er seine Thermoskanne festhielt. "Aber wenigstens friert man beim Jubeln nicht." Statistisch blieb das Spiel ein Musterbeispiel für ausgeglichene Kräfte: Tacklingquote 49,5 zu 50,5, Ballbesitz fast pari, Torschüsse 7 zu 10. Soria mit Mut und Moral, Sevilla mit Technik und Tempo - und beide mit kleinen Schwächen in der Defensive, die den Zuschauern ein kurzweiliges, manchmal chaotisches, aber nie langweiliges Fußballspiel bescherten. Vielleicht war es kein Glanzlicht für die Geschichtsbücher, doch sicher ein Abend, der zeigte, warum man Fußball liebt: wegen der Unberechenbarkeit, wegen der Emotion - und weil selbst ein 2:2 manchmal mehr erzählt als ein 5:0. Oder, wie es Cedric Reyns schmunzelnd formulierte: "Manchmal ist ein Punkt wie ein guter Rotwein - er braucht Zeit, bis man ihn genießen kann." Und wer weiß - vielleicht schmeckt er nächste Woche schon ein bisschen besser. 27.11.643987 15:08 |
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Rainer Calmund