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RB Montabaur wollte am Samstagabend im heimischen Stadion eigentlich Geschichte schreiben. Am Ende wurde es tatsächlich geschichtsträchtig - allerdings aus der falschen Richtung. Der VFR Schleswig fegte im ersten Gruppenspiel des Liga-Pokals (Verbandsliga K) mit einem 8:0 über die Westerwälder hinweg und hinterließ auf dem Kunstrasen ein Trümmerfeld aus gebrochenem Selbstvertrauen und ratlosen Gesichtern. Schon nach zwei Minuten war klar, wohin die Reise gehen würde. Der 19-jährige Carl Weller, ein Mittelfeldmotor, der aussieht, als würde er noch für die Abi-Klausuren büffeln, zog aus 18 Metern ab - 0:1. "Ich hab einfach mal draufgehalten", grinste Weller später. "Trainer meinte, wir sollen mutig sein. Ich glaub, das war mutig genug." Und mutig blieb Schleswig. Während Montabaur sich noch sortierte, spielten die Gäste ihr "offensives, aber nicht überhebliches" Konzept herunter, wie Teammanager Der Küstenschutzverein es trocken formulierte. In der 22. Minute erhöhte André Moser nach feinem Pass von Christiano da Costa auf 0:2. Montabaur-Keeper Luis Kühne streckte sich vergeblich, schaute dem Ball hinterher - und murmelte laut hörbar: "Das fängt ja gut an." Bevor die Heimmannschaft auch nur einen eigenen Torschuss zustande brachte, klingelte es schon wieder. Kurz vor der Pause traf Ingolf Asmussen (41.) nach Vorarbeit von Weller. 0:3 - und man hatte das Gefühl, Schleswig würde eher bremsen, um nicht unhöflich zu wirken. Nach dem Seitenwechsel machte Schleswig dort weiter, wo sie aufgehört hatten. Da Costa (48.) brachte seine Farben endgültig auf die Siegerstraße, und Moser legte in der 56. Minute nach. Danach durfte er verletzt raus - Bryan Loens kam und machte einfach weiter. Schon sein erster Versuch in Minute 80 zappelte im Netz. Dazwischen hatte Raphael Bock (63.) getroffen, als Montabaur längst in den Überlebensmodus schaltete. "Wir wollten den Ball laufen lassen, aber er lief irgendwie immer zu den anderen", versuchte Montabaur-Kapitän Nico Hafner nach dem Spiel eine Erklärung - halb ernst, halb resigniert. Dabei war der Ballbesitz gar nicht so katastrophal: 42 Prozent gehörten den Hausherren. Doch was nützen Prozente, wenn es nach 90 Minuten 0:8 steht? Das letzte Tor setzte Schleswig-Linksverteidiger Olaf Frost in der Nachspielzeit (92.). Ein Außenverteidiger, der in der 92. Minute noch Lust auf Offensivaktionen hat - das sagt eigentlich alles über den Abend. "Ich hab gesehen, dass keiner mehr zurücklief", lachte Frost. "Da dachte ich, mach ich’s halt selbst." Montabaur hatte eine einzige echte Torchance: Curt Binder in der 88. Minute, ein ordentlicher Schuss, aber direkt auf Keeper Mikael Mattson. Der musste sich ansonsten mehr mit dem Aufwärmen beschäftigen als mit Paraden. Statistisch war das Spiel eine Einbahnstraße: 18 Torschüsse für Schleswig, einer für Montabaur. 59 Prozent Zweikampfquote für die Gäste, die mit jugendlicher Leichtigkeit agierten, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. In der 57. Minute gab’s zwar eine Gelbe Karte für Reece Desjardins, aber selbst das wirkte eher wie ein höflicher Hinweis an den Schiedsrichter, dass Schleswig auch noch da sei. Küstenschutzverein, der Trainer der Gäste, gab sich dennoch bescheiden: "Wir haben einfach unser Spiel gespielt. Die Jungs waren fokussiert, aber wir wissen, dass das nicht jede Woche so laufen wird." Seine Spieler sahen das etwas lockerer. "Wenn wir so weitermachen, brauchen wir bald ein zweistelliges Ergebnisfeld", witzelte Torschütze Bock beim Abgang. Montabaur-Coach - der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollte - stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie, als die Fans nach dem Abpfiff höflich klatschten. "Wir haben Lehrgeld bezahlt. Viel Lehrgeld", sagte er knapp. 1281 Zuschauer verließen das Stadion, viele mit Kopfschütteln, einige mit einem nervösen Lachen. "War ja immerhin unterhaltsam", meinte einer, während im Hintergrund die Schleswig-Spieler ihre Ehrenrunde drehten. Ob Montabaur sich von diesem Debakel erholt, bleibt abzuwarten. Schleswig dagegen hat sich eindrucksvoll in die Favoritenrolle geschossen. Und Montabaur? Vielleicht hilft in der nächsten Trainingswoche ein altmodisches Rezept: Ball, Pass, Tor - in dieser Reihenfolge. So oder so: Wer am Samstagabend dabei war, wird dieses 0:8 so schnell nicht vergessen. Manche Spiele schreibt man sich ins Gedächtnis - andere werden einem eingebrannt. Dieses gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie. 16.03.643987 12:17 |
Sprücheklopfer
Es war ein wunderschöner Augenblick, als der Bundestrainer sagte: 'Komm Steffen, zieh deine Sachen aus, jetzt geht's los.'
Steffen Freund