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56502 Zuschauer im vollbesetzten Neckarstadion sahen am Freitagabend ein Fußballspiel, das in seiner Dramaturgie an einen alten Schwarz-Weiß-Film erinnerte: viel Geduld, etwas Pathos - und ein Happy End, das so spät kam, dass selbst der Stadionsprecher schon nach dem passenden Abschiedsgruß suchte. Am Ende gewann der VFL Stuttgart den 12. Spieltag der 1. Liga Deutschland mit 1:0 gegen den FC Pforzheim - dank eines späten Treffers von Gleb Schalimow, der seinen Trainer Venni Mislintat beinahe zu einem Tänzchen an der Seitenlinie verleitete. Dabei hatte lange nichts auf diesen Ausgang hingedeutet. Pforzheim begann forsch, fast übermütig. Schon in der ersten Minute prüfte Richard Mertens den jungen Stuttgarter Torwart Samuel Edwards mit einem satten Flachschuss. "Da war ich wach - und das war auch gut so", grinste Edwards später. Nur zwei Minuten später drosch Detlev Weber den Ball aus zwölf Metern übers Stadiondach, als wolle er die Zuschauer auf der Pressetribüne anvisieren. Stuttgart brauchte ein paar Minuten, um den eigenen Rhythmus zu finden. Schalimow, stets mit leichtem Hang zur Theatralik, brachte in der 7. Minute den ersten gefährlichen Abschluss der Hausherren zustande. Danach entwickelte sich ein offener Schlagabtausch: 13 Torschüsse auf Seiten des VFL, 9 bei den Pforzheimern - Ballbesitz leicht zugunsten der Gäste (51 Prozent). Doch wer die Statistik liest, verpasst das eigentlich Entscheidende: die Stuttgarter Entschlossenheit, die sich von Minute zu Minute steigerte. Mislintat, bekannt für seine emotionalen Coaching-Auftritte, brüllte in der 22. Minute: "Mehr Mut, Männer! Mut ist keine Taktik, aber manchmal reicht er!" - während sein Gegenüber Max Kaufmann stoisch an der Linie stand und seine Elf auf Konter lauerte. Pforzheim spielte lang, direkt, mit einer Mischung aus Mut und Risiko, die zu Beginn der zweiten Hälfte fast Früchte getragen hätte. In der 71. Minute scheiterte Ze Castro aus spitzem Winkel - Edwards parierte erneut glänzend. Dann kippte das Spiel. Ryan Farnsworth, der rechte Verteidiger Stuttgarts, sah nach einem taktischen Foul zunächst Gelb (49.), und in der 81. Minute Gelb-Rot - ein Abgang mit Applaus und Kopfschütteln zugleich. "Ich wollte den Ball spielen", verteidigte er sich später mit einem Lächeln, "aber der Ball wollte nicht mich." In Unterzahl schien Stuttgart auf den Punktgewinn zu spielen - doch genau dann kam der Moment des Abends. 87. Minute: Ruben Daens, kurz vor seiner Auswechslung, flankt von rechts butterweich in den Strafraum. Gleb Schalimow steigt zwischen zwei Verteidigern hoch, hält den Fuß rein - und der Ball trudelt, fast in Zeitlupe, ins linke Eck. 1:0. Ekstase auf der Tribüne, pure Erleichterung auf dem Rasen. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", gestand Schalimow später lachend, "aber dann hat er mich doch nochmal um eine Schlagzeile gebeten." Trainer Mislintat, die Kappe tief ins Gesicht gezogen, murmelte nur: "Endlich belohnt. Wir hatten heute den längeren Atem - und den besseren Schluss." Pforzheim warf in den letzten Minuten alles nach vorn, inklusive Innenverteidiger Olaf Kaufmann - jener aber verabschiedete sich in der 92. Minute mit einer glatten Roten Karte nach einem rustikalen Einsteigen gegen Maxim Tillman. "Das war ein Reflex", sagte sein Trainer Max Kaufmann (nicht verwandt, aber an diesem Abend seelenverwandt im Frust). "Wir wollten gewinnen, und manchmal übertreibt man’s eben." Der Schlusspfiff kam wie eine Erlösung für Stuttgart, das sich nach Farnsworths Platzverweis in Unterzahl tapfer verteidigt hatte. Die Fans sangen, tanzten, und Mislintat verschwand mit einem zufriedenen Nicken in den Katakomben. Statistisch sah es enger aus, als das Ergebnis vermuten lässt: Pforzheim hatte minimal mehr Ballbesitz, Stuttgart aber die klareren Chancen und das entscheidende Quäntchen Glück. 13 zu 9 Torschüsse sprechen eine Sprache, die man in Stuttgart gern hört. Und so endete ein Spiel, das lange auf der Kippe stand, mit einem Moment der individuellen Klasse. Schalimow, der Held des Abends, fasste es treffend zusammen: "Manchmal ist Fußball wie ein Roman - du musst bis zur letzten Seite lesen, sonst verpasst du das Beste." Ein Satz, den sich die Pforzheimer wohl merken sollten. Denn wer in der 87. Minute noch träumt, wacht meist ohne Punkte auf. 29.03.643994 06:47 |
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Fritz Walter Junior