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Ein nasskalter Januarabend, 51.338 Zuschauer, Flutlicht, Pokal - und am Ende ein Märchen aus Verl. Der Drittligist SC Verl kegelte am Dienstagabend den favorisierten Zweitligisten Holstein Kiel mit 2:1 (1:0) aus dem Wettbewerb. Es war ein Spiel, das alles bot: frühe Euphorie, zittrige Minuten, ein Gelb-Foul mit Symbolcharakter - und einen Last-Minute-Held, der sich später "nicht mehr so ganz an den Jubel erinnern" konnte. Bereits in der 14. Minute ging Verl in Führung. Mike Lutz, der junge Mittelfeldmotor mit der Ruhe eines Schachspielers, traf nach feiner Vorarbeit von Nael Hernan. "Nael legt den Ball so perfekt quer, da musste ich ja fast treffen", grinste Lutz später. Der Treffer fiel mitten in eine Phase, in der Kiel sich gerade sortieren wollte - und ausgerechnet da traf die Wucht der Verl-Offensive. Trainer Big Bang - ja, er heißt wirklich so - hatte sein Team offensiv ausgerichtet, mit aggressivem Pressing und mutigem Kurzpassspiel. Das sah man. Kiel dagegen tat sich schwer. Zwar hatten die "Störche" mit 54 Prozent Ballbesitz und zwölf Torschüssen statistisch die Nase vorn, doch fehlte es an Effizienz. Pedro Domingos, der rechte Flügelflitzer, prüfte Verls Keeper Jacob Mayer mehrfach (31., 33., 52., 59.), doch der 19-Jährige hielt wie ein erfahrener Fels in der Brandung. "Ich hab einfach versucht, den Ball zu sehen - und nicht an die Zuschauerzahl zu denken", sagte Mayer hinterher mit einem Lachen, das zwischen Unglaube und Stolz oszillierte. Kurz nach der Pause wurde es ruppiger. In der 49. Minute sah Kiels Abwehrchef Jürgen Köhler Gelb, nachdem er den durchstartenden Lutz rüde gebremst hatte. "War Ball gespielt", meinte Köhler hinterher mit einem Gesichtsausdruck, der etwas anderes vermuten ließ. Trainer Jason Voorhees - ja, auch das ist kein Scherz - blieb an der Seitenlinie erstaunlich ruhig. "Wir hatten das Spiel unter Kontrolle", sagte er und blickte dabei auf den Statistikzettel, "aber das war heute ein Pokalspiel, kein Rechenschieber-Duell." In der 59. Minute belohnte sich Kiel dann doch: Pedro Domingos traf nach einer Ecke von Manuel Galvao per Direktabnahme zum 1:1. Die 500 mitgereisten Fans aus dem Norden schrien sich die Kehlen wund, während Verl kurzzeitig wankte. Doch Big Bang griff beherzt ein, brachte in der 72. Minute den jungen Tomas Rodriguez für den müden Patrik Franz. "Tomas sollte einfach laufen, laufen, laufen", erklärte der Trainer. "Und wenn er zufällig den Ball trifft, umso besser." Was folgte, war ein Abnutzungskampf. Kiel drückte, Verl konterte, beide Teams setzten auf vollen Einsatz. Die Tacklingquote sprach Bände: 46,5 Prozent für Verl, 53,5 für Kiel - ein zäher, kämpferischer Pokalabend, bei dem die Grasnarben am Ende fast lauter schrien als die Spieler. Dann kam die 90. Minute. Verl hatte noch einmal einen Angriff über rechts. Günter Bach, bisher unauffällig, zog die Linie entlang, legte den Ball scharf in die Mitte - und Sascha Kirsch hielt einfach den Fuß hin. Der Ball flog in den Winkel, das Stadion explodierte. 2:1. "Ich hab den Ball gar nicht richtig gesehen", keuchte Kirsch später, "aber irgendwas hat mir gesagt, ich soll den Fuß da lassen." Kiel warf in der Nachspielzeit alles nach vorne, sogar Torhüter Jermolai Chlystow kam bei einer Ecke mit nach vorn, doch es blieb beim Verl-Wunder. Big Bang, mittlerweile halb im Publikum verschwunden, rief nur noch: "Das ist der Pokal, Baby!" - und verschwand in einer Umarmung aus Ersatzspielern, Betreuern und einem halben Stadion. Statistisch gesehen hätte Kiel das Spiel wohl gewinnen müssen - mehr Ballbesitz, mehr Schüsse, mehr Erfahrung. Aber Fußball ist bekanntlich kein Statistikfach. Und so steht am Ende ein SC Verl, der mit Leidenschaft, Mut und einem Hauch Verrücktheit ins Achtelfinale stürmt. "Wir haben es einfach mehr gewollt", sagte Lutz im Kabinengang, während irgendwo eine Champagnerflasche knallte. Trainer Voorhees hingegen murmelte etwas von "verpassten Chancen" und verschwand mit gesenktem Kopf Richtung Bus. Und der Pokal? Der lacht sich wieder ins Fäustchen. Denn er weiß: Solche Abende schreibt nur er. 26.05.643987 07:58 |
Sprücheklopfer
Da kennen sie unseren Klub aber schlecht. Bei uns kehrt niemals Ruhe ein, denn es gibt nur oben oder unten. Und wenn man unten liegt, wird bei uns noch draufgetreten.
Toni Polster auf die Frage, ob nach einem 5:3 gegen Wolfsburg beim 1. FC Köln endlich Ruhe eintritt