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Es war einer dieser Abende, an denen Fußball keine Mathematik ist - auch wenn die Statistik des FC San Sebastian (20 Torschüsse, 53 Prozent Ballbesitz) wie eine klare Gleichung aussah. Am Ende stand ein 2:1-Heimsieg gegen den SC Villarreal, der so hart erarbeitet war wie ein Espresso nach einer durchzechten Nacht. 40.000 Zuschauer im Estadio Anoeta sahen am 13. Spieltag der Primera División ein Spiel, das mal Tanz, mal Wrestling, mal Slapstick war - aber niemals langweilig. Schon in den ersten Minuten ließ San Sebastian keinen Zweifel daran, wem das Spielfeld gehörte. Drei Torschüsse in der Anfangsviertelstunde, einer wuchtiger als der andere. Trainer der Hausherren - mit strengem Blick und vermutlich einem heißen Tee in der Hand - hatte seine Elf perfekt eingestellt. "Wir wollten das Spiel kontrollieren, aber nicht einschläfern", erklärte er nachher mit einem Grinsen, das andeutete, dass ihm selbst das Wort "Kontrolle" etwas fremd ist. In der 29. Minute brach der Bann: Marjan Kuzmanovic, der rechte Wirbelwind mit der Körperhaltung eines Surfers, verwandelte eine Vorlage von Noe Adao zum 1:0. Der Jubel war entsprechend: Kuzmanovic rannte in Richtung Eckfahne, als habe dort jemand seine Steuererklärung versteckt. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte er später, "und gehofft, dass der Ball nicht im Parkhaus landet." Villarreal, von Trainer Marcus Herrmann offensiv eingestellt, suchte sein Heil in der Mitte - und fand zunächst nur das Bein des Gegners. Otto König, der bullige Stürmer mit der Eleganz eines Presslufthammers, hatte zwei Chancen, scheiterte aber an San Sebastians Torhüter Florian Lemke, der offenbar beschlossen hatte, an diesem Abend nichts durchzulassen, was rund ist. Kurz nach der Pause dann der Schockmoment für die Gastgeber: In der 58. Minute nutzte Otto König eine Unachtsamkeit der Defensive und glich nach Vorlage von Innenverteidiger Leo Corey zum 1:1 aus. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", murmelte Lemke später, "war er aber offenbar nicht." San Sebastian wirkte kurz konsterniert, doch nur fünf Minuten später war die Ordnung wiederhergestellt. Nicolae Chivu, der links außen mehr Kilometer machte als ein Taxifahrer im Berufsverkehr, drückte eine butterweiche Flanke von Jose Maria Corcoles über die Linie - 2:1. Ein Tor, das so fein war, dass sogar die gegnerischen Fans kurz klatschten. "Das war Fußball, wie er im Bilderbuch steht", meinte Corcoles stolz, "nur dass wir das Bilderbuch selbst schreiben mussten." Danach wurde es ruppiger. Insgesamt drei Gelbe Karten, zwei für Villarreal (Girardi 60., Castro 78.) und eine für San Sebastians Cesc Figueras (83.), zeigten, dass die Nerven blank lagen. Besonders Girardi foult mit der Zärtlichkeit eines Vorschlaghammers - Schiedsrichter Delgado zückte Gelb, als würde er Autogramme geben. Ein kurzer Schreckmoment dann in der 67. Minute: Rafael Dieguez, gerade erst eingewechselt, verletzte sich ohne Einwirkung des Gegners. "Ich wollte einfach zu viel", sagte er tapfer, während er gestützt vom Platz humpelte. "Vielleicht war das Knie anderer Meinung." Villarreal drückte in der Schlussphase, aber das "offensive Zentrumsspiel" erwies sich als Einladung für Konter. Kuzmanovic und Chivu verpassten das mögliche 3:1, doch der Sieg geriet nicht mehr ernsthaft in Gefahr. San Sebastian spielte das Ergebnis mit der Ruhe eines Teams herunter, das endlich die Balance zwischen Risiko und Vernunft gefunden hat - zumindest für 90 Minuten. Nach dem Abpfiff herrschte Zufriedenheit im Baskenland. "Das war ein Arbeitssieg, aber Arbeit gehört nun mal zum Fußball", sagte Torschütze Chivu lachend. Trainer Marcus Herrmann dagegen schüttelte nur den Kopf: "Wir haben gut gespielt, aber wenn du nur fünf Schüsse aufs Tor hast, brauchst du kein Wunder, sondern ein Gebet." Und so endete ein Abend, an dem San Sebastian bewies, dass solide Organisation manchmal stärker ist als pure Offensive. Villarreal fuhr heim mit hängenden Schultern, aber erhobenem Kopf - schließlich war man nie chancenlos. Was bleibt? Ein San Sebastian, das wieder oben angreift, zwei glänzend aufgelegte Flügelspieler und ein Publikum, das sich schon auf den nächsten Heimabend freut. Und falls jemand fragt, wie dieses Spiel zusammenzufassen ist: Zwei Tore, drei Gelbe, ein verletzter Verteidiger - und 40.000 Menschen, die sich sicher waren, dass Fußball immer noch das schönste Chaos der Welt ist. 07.06.643987 03:58 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer