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Es war ein frostiger Freitagabend in Rüsselsheim, aber die 50.000 Zuschauer im Stadion kamen schnell auf Betriebstemperatur. Das lag weniger an Glühwein und Bratwurst als an einem Spiel, das phasenweise wie eine Mischung aus Slapstick und Hochglanzfußball wirkte. Am Ende jubelte der FC Kreuzberg über ein 2:1 beim FC Rüsselsheim - ein Sieg, der in den ersten 45 Minuten klar verdient war, in der zweiten Hälfte aber noch einmal kräftig wackelte. "Wir haben die erste Halbzeit schlicht verschlafen", knurrte Rüsselsheims Trainer Joao Felipe nach dem Abpfiff. "In der Kabine habe ich gefragt, ob die Jungs ihre Schuhe vertauscht haben." Tatsächlich wirkten seine Offensivkräfte zu Beginn so, als hätten sie noch die Handbremse angezogen. Die Kreuzberger dagegen legten los, als wollten sie schon vor der Pause alles klar machen. In der 23. Minute traf Ashton MacQuarrie zum 1:0 - ein Schuss aus halbrechter Position, trocken, unhaltbar. Nur 14 Minuten später legte der schottisch-kanadische Wirbelwind nach: Wieder MacQuarrie, diesmal nach Vorlage von Ingo Cabrero. 2:0, und die Rüsselsheimer Defensive stand da wie eine Schülergruppe beim Verkehrserziehungsunterricht - aufmerksam, aber ohne Ahnung, was als Nächstes kommt. "Ich habe einfach geschossen, weil keiner kam", grinste MacQuarrie später. "Ich glaube, der Torwart hat noch überlegt, ob er sich wirklich werfen will." Rüsselsheim hatte durchaus Chancen: Stephan Schmid prüfte Kreuzbergs Keeper Maurizio Squillace gleich dreimal (15., 19., 41.), doch der blieb unbezwingbar. Nuno Barros verfehlte das Ziel knapp, und als der Pausenpfiff ertönte, war das 0:2 fast schmeichelhaft. Nach der Halbzeit kam Rüsselsheim wie ausgewechselt zurück. Plötzlich stimmte das Tempo, die Pässe saßen, und vorne wirbelte ein Trio, das vorher kaum zu sehen war: Jesus John, Nuno Barros und der junge Björn König. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur Statisten sind", sagte König später mit einem Lächeln, das gleichzeitig stolz und müde wirkte. In der 62. Minute dann das Lebenszeichen: Jesus John flankte scharf nach innen, Barros stieg hoch und köpfte den Ball unhaltbar ins Netz - 1:2! Die Arena explodierte, und Trainer Felipe rannte die Seitenlinie entlang, als hätte er gerade das Siegtor geschossen. Von da an drückte Rüsselsheim. 14 Torschüsse standen am Ende zu Buche, zwei mehr als die Gäste. Der Ballbesitz war mit 47,9 zu 52,1 Prozent fast ausgeglichen, und wer die zweite Hälfte sah, hätte kaum gedacht, dass die Hausherren zur Pause klar hinten lagen. Kreuzberg zog sich zurück, verteidigte mit Geschick - und ein bisschen Glück. In der 67. Minute sah Innenverteidiger Benjamin Walter Gelb, nachdem er Cabrero etwas zu leidenschaftlich am Trikot zupfte. "Ich wollte nur wissen, aus welchem Material das Fabric ist", scherzte Walter später, "scheint sehr reißfest zu sein." In der Nachspielzeit holte sich auch Linksverteidiger Javi Da Cru noch eine Verwarnung ab, sinnbildlich für den Frust der Gastgeber. Während Kreuzberg die Führung clever über die Zeit brachte, schwor Trainer Atze Matze seine Mannschaft lautstark ein. "Ihr seid keine Schönspieler, ihr seid Kreuzberger!", rief er in Minute 80, als MacQuarrie und Goddaert vorne noch einmal angriffen, aber scheiterten. Nach dem Abpfiff grinste Matze: "Manchmal reicht’s, wenn man einfach den Ball öfter ins Tor kriegt als der andere. Philosophie genug." Rüsselsheim verließ das Feld mit hängenden Köpfen, aber nicht ohne Applaus. Die Fans wussten, dass ihr Team Moral gezeigt hatte. Joao Felipe versprach kämpferisch: "Wenn wir so anfangen, wie wir aufgehört haben, wird uns keiner mehr unterschätzen." Kreuzberg hingegen feierte ausgelassen. MacQuarrie, der Doppeltorschütze, wurde von seinen Mitspielern kurzerhand mit Bier überschüttet - ein Ritual, das, so hörte man, auch bei Minusgraden eiskalt bleibt. Am Ende stand ein 1:2, das sich anfühlte wie eine kleine Lehrstunde in Effizienz. Rüsselsheim hatte den Willen, Kreuzberg die Tore. Und irgendwo auf der Tribüne murmelte ein älterer Fan: "Wenn Fußball gerecht wäre, würde’s hier 3:3 stehen." Vielleicht. Aber wer will schon Gerechtigkeit, wenn man Spannung haben kann? So ging ein Abend zu Ende, der alles bot - außer einem Happy End für die Gastgeber. Doch immerhin: Die Rüsselsheimer zeigten, dass sie Herz haben. Und Kreuzberg? Die zeigten, dass man mit zwei präzisen Treffern und einer ordentlichen Portion Berliner Schnauze auch im Rhein-Main-Gebiet glänzen kann. 30.06.643987 07:12 |
Sprücheklopfer
Die Türken haben gezeigt, dass man, egal bei welchem Spielstand, immer mit ihnen rechnen kann. Das macht sie natürlich unberechenbar.
Jogi Löw