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Ein Abend, den man in Lustenau wohl so schnell nicht vergessen wird - und das nicht im positiven Sinn. 20.000 Zuschauer kamen am 4. Spieltag der 1. Liga Österreich ins Reichshofstadion, um Grün-Weiß Lustenau gegen den SC Ried zu sehen. Sie erwarteten Kampf, Leidenschaft, vielleicht ein knappes Spiel. Was sie bekamen, war ein 0:8-Debakel mit Ansage. Dabei begann alles harmlos. In den ersten dreißig Minuten wirkte Ried eher wie ein geduldiger Gast, der höflich anklopft, bevor er das Haus auseinander nimmt. Tomasz Witt prüfte schon früh den Lustenauer Keeper mit zwei Schüssen, Antonio Costinha drehte auf dem linken Flügel seine Kreise, und Sven Simon - der Routinier mit der Ruhe eines Uhrmachers - lauerte. In der 31. Minute war es dann soweit: Jose Maria Djalo flankte butterweich, Simon köpfte trocken ein. 0:1. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass dies nur der Auftakt zu einem Torfestival werden würde. "In der Pause habe ich gesagt: Bleibt ruhig, das Spiel ist noch offen", erzählte Lustenau-Coach Stefan Bargetz später mit einem bitteren Lächeln. Offen war es tatsächlich - für den Durchmarsch der Rieder. Die zweite Halbzeit begann wie aus dem Lehrbuch für effizientes Fußballspielen. Kaum hatte der Schiedsrichter angepfiffen, war der Ball schon wieder im Netz. Sven Lauer verwertete in der 48. Minute eine Vorlage von Witt, und von da an brach die Lustenauer Ordnung wie ein schlecht geklebter Kartenstapel zusammen. Fünf Minuten später erhöhte Simon auf 0:3, wieder nach Djalo-Vorarbeit. "Ich hatte das Gefühl, jeder Ball, den wir anfassten, wollte ins Tor", grinste Simon nach dem Spiel, der am Ende vier Treffer erzielte (31., 53., 55., 60. Minute). "Das passiert dir vielleicht einmal im Leben. Oder wenn du gegen Lustenau spielst." Die Gastgeber bemühten sich redlich, doch mehr als ein einziger Torschuss kam nicht zustande. Einer! Und das in der 43. Minute, als Oliver Karl kurz vor der Pause tatsächlich den Ball Richtung Rieder Tor brachte - das Stadion feierte den Versuch fast wie ein Tor. "Da haben wir kurz gedacht, jetzt geht was", meinte Karl später, "aber dann kam die zweite Halbzeit." Ried zeigte, wie man Dominanz in Zahlen gießt: 24 Torschüsse, 52 Prozent Ballbesitz, Zweikampfquote klar überlegen. Dabei wirkte das Team von Trainer Stefan Bargetz (nein, nicht der Lustenauer, der andere Stefan) - pardon: Trainer der Rieder war gar nicht angegeben, aber man hätte meinen können, Pep Guardiola habe kurz vorbeigeschaut - erschreckend abgeklärt. Kein wildes Pressing, kein hektisches Draufgehen. Einfach ruhiges, präzises, balanciertes Spiel, wie es die Taktikdaten beschreiben: "BALANCED" in jeder Kategorie, aber mit chirurgischer Präzision ausgeführt. Nach Simons viertem Treffer in der 60. Minute war die Partie längst entschieden, doch Ried hatte noch Lust auf Kunst. Costinha legte in der 67. und 83. Minute nach, jeweils nach feinen Pässen von Rutgers und Coelho. Dazwischen traf erneut Lauer (72.), der sich als zweiter Doppeltorschütze des Abends feiern ließ. "Ich wollte eigentlich defensiver stehen", murmelte Bargetz nach dem Schlusspfiff, "aber wenn du acht Stück kriegst, klingt das wie ein Witz." Und tatsächlich wirkte vieles an diesem Abend wie eine Satire auf den modernen Offensivfußball: Lustenau spielte laut Statistik "offensiv", hatte aber kaum Ballkontakte im gegnerischen Strafraum. Ried hingegen blieb "balanciert" - und schoss aus jeder vernünftigen Lage präzise ein. In der 88. Minute wurde es dann noch gelb für Horst Freitag, kurz darauf auch für Jannick Hermann. Kleine Ventile der Frustration, könnte man sagen. "Das war keine Absicht, ich wollte nur den Ball treffen", rechtfertigte sich Freitag mit einem Lächeln, das mehr Entschuldigung als Erklärung war. Als der Schiedsrichter endlich abpfiff, applaudierten die Rieder Fans fröhlich, während die Lustenauer Anhängerschaft schon längst die Kioske stürmte - vermutlich auf der Suche nach Trost in Form von Bier. "Solche Tage gibt’s im Fußball", meinte Rieds Doppelpacker Lauer zum Abschied. "Da klappt einfach alles. Wir hätten wahrscheinlich auch mit verbundenen Augen getroffen." Lustenau hingegen wird diese Nacht brauchen, um die Wunden zu lecken. Ein 0:8 im eigenen Stadion, das ist mehr als eine Niederlage - das ist ein Weckruf, eine Demütigung, vielleicht auch eine Gelegenheit zur Charakterprüfung. Und wer weiß: Vielleicht steht in der nächsten Woche ein knapper 1:0-Sieg an. Schließlich ist Fußball manchmal gnädig - nur eben nicht an diesem 4. Spieltag. 22.02.643987 23:36 |
Sprücheklopfer
Magaths Training ist wie ein Zahnarzttermin. Man fürchtet sich vorher, aber danach fühlt man sich besser.
Jan-Aage Fjörtoft