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Es war ein Pokalabend, wie ihn selbst die ältesten Stadionverkäufer von Caracas nicht alle Tage erleben: 39.150 Zuschauer schwitzten, fluchten, jubelten und kauten Fingernägel, bis schließlich um kurz nach Mitternacht Real Caracas den Einzug ins Viertelfinale feiern durfte - 7:6 (1:1) nach Elfmeterschießen gegen Colegio Merida. Und irgendwo zwischen Schweiß, Nerven und Drama stand ein 19-jähriger Junge namens Vitor Andrade im Mittelpunkt. Dabei hatte alles ganz anders begonnen. Schon in der 21. Minute schockte der bullige Innenverteidiger Paulo Marquez die Heimfans, als er nach einer butterweichen Flanke von Jean-Pierre Blais das 0:1 für die Gäste erzielte. "Ich wusste gar nicht, dass Paulo so hoch springen kann", grinste Jürgen Klopp später - halb stolz, halb spöttisch. "Vielleicht sollte ich ihn öfter vorne reinschicken." Real Caracas wirkte zunächst fahrig, kam aber über den Kampf zurück in die Partie. Besonders der erfahrene Rechtsverteidiger Frederic Prentiss ging voran, auch wenn er sich später noch Gelb abholte. In der 45. Minute war er es, der den Ball auf den gerade eingewechselten Vitor Andrade flankte - und der Teenager drosch das Leder unverschämt cool ins Netz. 1:1 kurz vor der Pause. "Ich hatte eigentlich Schiss", gab Andrade später zu. "Aber dann hab ich einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass der Ball reingeht." Nach dem Seitenwechsel wurde es ein zähes Ringen. Colegio Merida hatte etwas mehr vom Spiel - 52 Prozent Ballbesitz -, während Caracas mit 20 Torschüssen gegen 14 des Gegners deutlich zielstrebiger wirkte. Klopp, der wie immer wild gestikulierend an der Seitenlinie agierte, trieb seine Elf nach vorne. In der 70. Minute wurden die Gäste belohnt: Alfonso Makukula, 34 Jahre jung und mit der Ruhe eines Schachgroßmeisters, schlenzte den Ball nach Vorlage von Tim Giese zur erneuten Führung ins rechte Eck. Doch wer glaubte, das sei die Entscheidung, kennt Real Caracas schlecht. Nur zehn Minuten später zirkelte Xavi Eusebio eine Vorlage in den Lauf von Carlos Panero, der humorlos zum 2:2 einschoss. Trainer Eiko Henke ballte die Fäuste, drehte sich zur Bank und brüllte: "So, und jetzt machen wir’s richtig!" - was seine Spieler offenbar als Einladung zum Nervenspiel verstanden. Denn was folgte, war ein Wechselbad der Gefühle. Frederic Prentiss sah Gelb, Giese verletzte sich bei Merida und musste raus, und die Verlängerung wurde zu einem Lehrstück über ermüdete Körper und wacklige Beine. In der 107. Minute humpelte Giese vom Platz, während Henke seinen letzten Joker brachte: Laurent Lenentine, der 34-jährige Dauerläufer, kam rein - und sollte später Geschichte schreiben. Nach 120 Minuten stand es immer noch 2:2, und das Elfmeterschießen musste entscheiden. Die Luft im Stadion war dicker als in einer venezolanischen Bäckerei zur Mittagszeit. Laurent Lenentine verwandelte den ersten Versuch für Caracas eiskalt. Danach trafen Peyroteo, Gallardo, Silvestre und Eusebio. Auf der anderen Seite hielten Bergen, Marquez, Arino und Brinkerhoff die Hoffnung der Gäste am Leben - bis Julio Machado, der unglückliche Linksaußen, den Ball über die Latte jagte. "Ich hab’s schon beim Anlauf gesehen", meinte Henke schmunzelnd. "Der wollte den Ball nach Hause schicken, nicht ins Tor." Und tatsächlich: Sekunden später stürmten die Spieler von Caracas auf ihren Torhüter Sergio Cortes zu, der den entscheidenden Fehlschuss eingeleitet hatte. Klopp nahm die Niederlage mit Galgenhumor: "Wenn du 7:6 im Elfmeterschießen verlierst, hast du eigentlich alles richtig gemacht - außer das Letzte." Sein Gegenüber Henke konterte trocken: "Naja, Elfmeterschießen ist halt wie Lotto - nur dass diesmal wir das richtige Los hatten." Am Ende war es ein Abend, der alles bot, was man vom Pokal erwartet: Kampf, Drama, Jugend, Erfahrung - und einen 19-jährigen Helden, der plötzlich auf den Schultern seiner Teamkollegen durch die Nacht getragen wurde. Vitor Andrade grinste, als man ihn fragte, wie sich das anfühle. "Wie in einem Videospiel", sagte er. "Nur dass ich diesmal keine Reset-Taste brauchte." Und irgendwo auf der Tribüne murmelte ein alter Fan mit verschwitztem Caracas-Schal: "Das ist Pokal, mein Junge. Dafür lebt man." Ein Satz, der wohl noch lange nachhallen wird - zumindest bis zum nächsten Elfmeterschießen. 21.05.643993 11:40 |
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