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Was macht man an einem lauen Januarabend in Caracas? Richtig: Man schaut Real Caracas beim Toreschießen zu. 37.800 Zuschauer im ausverkauften Estadio Nacional bekamen beim 4:1 (3:1) im Pokal-Achtelfinale gegen AD Zamora jedenfalls eine Show, die irgendwo zwischen Lehrstunde und Comedy-Programm pendelte. Schon nach drei Minuten war jedem klar, wohin die Reise geht. Francisco Gallardo stand goldrichtig und schob nach Vorarbeit von Iker Peyroteo trocken ein. Trainer Eiko Henke grinste später: "Wir wollten früh Druck machen - dass es so schnell klappt, war fast unhöflich." Unhöflich, aber effektiv. Nur sechs Minuten später legte Carlos Panero nach, diesmal nach feinem Zuspiel von Innenverteidiger Daniele Montanari, der offenbar beschlossen hatte, dass er heute lieber Regisseur spielt als Abwehrchef. Zamora wirkte da schon leicht überfordert - mehr Ballbesitz (53 Prozent) hin oder her, Real Caracas war das deutlich gefährlichere Team. 18 Schüsse aufs Tor sprechen eine deutliche Sprache; die Gäste brachten es auf ganze fünf. Und einer davon saß immerhin: Oscar Viana traf in der 39. Minute nach schöner Vorarbeit von Diego Mendoza zum 3:1-Halbzeitstand. Davor hatte Xavi Eusebio in Minute 33 aus der Distanz getroffen - ebenfalls nach Vorlage von Montanari, der an diesem Abend offenbar jede Statistikabteilung in Aufruhr versetzte. "Ich wusste gar nicht, dass Daniele so gut passen kann", witzelte Torschütze Eusebio nach dem Spiel. "Vielleicht braucht er einfach mehr Freiheit - oder weniger Angst vor unserem Trainer." Henke konterte trocken: "Wenn meine Innenverteidiger Vorlagen geben, bin ich glücklich. Wenn sie anfangen zu dribbeln, werde ich nervös." Nach der Pause nahm das Spektakel etwas Tempo raus. Eusebio und Panero ballerten weiter munter auf das Tor von Iker Barros, doch der Schlussmann von Zamora hielt, was zu halten war. Zumindest bis in die Nachspielzeit: Dann sorgte Rechtsverteidiger Frederic Prentiss in der 96. Minute für den endgültigen Knockout. Ein Abstauber-Tor, das in den Geschichtsbüchern wohl als "Konter nach Konter" geführt wird. "Ich wollte eigentlich nur aufräumen", grinste Prentiss. "Der Ball lag halt da. Da kann man ja schlecht nein sagen." Zamora-Trainer Rafael Costa (nein, kein Verwandter des gleichnamigen Mittelfeldspielers) wirkte nach dem Spiel erstaunlich gefasst: "Wir hatten mehr Ballbesitz, aber weniger Ideen. Und Ideen sind im Fußball leider noch nicht käuflich." Eine Erkenntnis, die man sich einrahmen sollte. Auf der Gegenseite war die Stimmung entsprechend ausgelassen. Henke ließ seine Mannschaft nach dem Schlusspfiff minutenlang vor der Fankurve tanzen - vorsichtig natürlich, damit der Rasen heil bleibt. "Wir sind noch nicht durch", mahnte er. "Aber es macht Spaß, wenn die Jungs so befreit aufspielen." Auffällig: Trotz klarer Führung und spielerischer Dominanz blieb Real Caracas taktisch diszipliniert. Keine wilden Pressing-Experimente, kein Hurra-Fußball - einfach ein ausbalanciertes, cleveres Spiel. Nur am Ende, als die Gäste noch einmal kurz Druck machten, stellte Henke auf aktives Pressing um. Ergebnis: Prentiss’ Tor. Gelbe Karten gab’s auch, aber nur eine - Pierre Silvestre, der linke Verteidiger, holte sich in der 59. Minute den obligatorischen Eintrag fürs Poesiealbum der Schiedsrichter ab. "Ich hab den Ball gespielt", rief er, was ungefähr so überzeugend klang wie "Ich wollte nur gucken". Henke zeigte sich zufrieden mit den jungen Wilden: Der 18-jährige Silvestre Meireles und sein gleichaltriger Landsmann Ferenc Soos kamen in der zweiten Hälfte zu Einsatzminuten. "Wir müssen sie langsam ranführen", sagte der Coach. "Aber wenn sie so weitermachen, führen sie bald mich." Am Ende stand ein 4:1, das in Wahrheit noch höher hätte ausfallen können. Real Caracas war in jeder Hinsicht das reifere, entschlossenere Team. Zamora kämpfte, aber ohne Wucht, ohne Zielstrebigkeit. Was bleibt? Ein lauter Abend, viele Tore - und ein Caracas-Team, das in dieser Form durchaus Pokalträume hegen darf. Und wer weiß: Vielleicht wird man sich eines Tages an diesen Abend erinnern, wenn sie den Pokal tatsächlich hochhalten. Bis dahin darf man immerhin sagen: Wer Real Caracas an diesem Abend nicht gesehen hat, hat etwas verpasst - oder wenigstens eine sehr unterhaltsame Lektion im modernen Offensivfußball. 30.09.643987 18:10 |
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Oliver Kahn