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Ein lauer Abend in Caracas, 33 133 Zuschauer, Flutlicht, gespannte Gesichter - und am Ende ein 0:0, das sich für Real Caracas wohl anfühlt wie eine Niederlage. Denn die Gastgeber taten alles, um den Ball über die Linie zu drücken, trafen aber nur den Torwart, die Latte und gelegentlich ihre eigenen Nerven. Von Beginn an spielte nur eine Mannschaft ernsthaft Fußball: Real Caracas. Schon in der zweiten Minute prüfte Daniel Gebhardt mit einem beherzten Schuss den Reflex von Táchira-Keeper Mario Postiga. Der routinierte 31-Jährige, ein Mann, der offenbar mit Sekundenkleber an den Handschuhen geboren wurde, fischte den Ball spektakulär aus dem Eck. "Ich hab’ ihn gar nicht gesehen, nur gespürt", grinste Postiga später - und das hätte fast das Motto des gesamten Spiels werden können: Caracas sah viele Chancen, spürte aber keine Tore. Silvestre Meireles, der 19-jährige Wirbelwind auf der linken Seite, tänzelte sich in der sechsten Minute sehenswert durch, nur um den Ball dann mit der Präzision eines übermütigen Teenagers in den Nachthimmel zu jagen. Trainer Eiko Henke raufte sich schon da die Haare: "Wenn der Junge mal trifft, dann kracht’s richtig - aber bis dahin müssen wir wohl ein paar Ersatzbälle bestellen." Táchira dagegen? Zwei harmlose Versuche in Halbzeit eins, einer davon von Asier Domingo in der 11. Minute, der mehr an eine Rückgabe erinnerte als an einen Torschuss. Insgesamt brachte es das Team aus San Cristóbal auf drei Schüsse aufs Tor - und das, obwohl sie fast eine halbe Stunde in Überzahl standen, nachdem ihr eigener Linksverteidiger Adrian Jordao in der 76. Minute Gelb-Rot sah. Ja, Sie lesen richtig: Überzahl, weil Jordao vorher schon Gelb kassiert hatte und anschließend mit einer Grätsche, die man eher aus dem Wrestling kennt, den Platz verließ. "Ich wollte nur den Ball spielen", beteuerte der Übeltäter nach Abpfiff mit Unschuldsmiene. Sein Trainer, der ungenannt bleiben wollte (vielleicht aus Selbstschutz), murmelte nur: "Er hat wohl den Ball mit dem Gegner verwechselt." Real Caracas dagegen dominierte: 56 Prozent Ballbesitz, 17 Torschüsse, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe - und doch kein Tor. Besonders auffällig: Agemar Manuel, der 21-jährige Rechtsaußen, rannte, dribbelte, schoss - alles mit der Energie eines Espresso-Doppels - aber das Netz blieb unberührt. In Minute 49 zog er aus spitzem Winkel ab, Postiga hielt wieder, und das Publikum stöhnte kollektiv auf. Eine ältere Dame auf der Tribüne fasste es treffend zusammen: "Wenn Beten Tore bringen würde, hätten wir gewonnen." Der Druck der Hausherren nahm nach der Pause weiter zu. Zwischen Minute 43 und 74 folgte eine wahre Schussparade: Eusebio, Peyroteo, Gebhardt, Meireles - sie alle durften es versuchen. Die Defensive von Táchira wackelte, fiel aber nicht. Selbst Innenverteidiger Cesc Benito rückte nach vorne und sorgte in der 73. Minute mit einem Kopfball fast für die Erlösung - stattdessen gab’s später Gelb für ein taktisches Foul, das eher aus Frust denn aus Not begangen wurde. In der 84. Minute meldete sich Táchira noch einmal kurz an - Vitorino Alcántara prüfte Real-Keeper Sergio Cortes mit einem Schüsschen, das eher als höfliche Erinnerung an seine Existenz diente. Cortes parierte mühelos und winkte freundlich in die Kameras. Als der Schlusspfiff ertönte, hatte Real Caracas 90 Minuten lang dominiert, sich aber selbst besiegt. Henke stand an der Seitenlinie, die Hände tief in den Taschen, und sagte mit einem bitteren Lächeln: "Wir hätten heute noch drei Stunden spielen können - der Ball wollte einfach nicht rein." Das Publikum verabschiedete die Mannschaft trotzdem mit Applaus. Denn eines war klar: Einsatz, Leidenschaft, Wille - all das war da. Nur das Tor fehlte, und das ist im Fußball bekanntlich ein nicht ganz unwichtiger Bestandteil des Spiels. UD Táchira dagegen konnte sich über einen Punkt freuen, der sich anfühlte wie ein Lottogewinn. Postiga wurde von seinen Mitspielern gefeiert, als hätte er das Finale gewonnen. "Manchmal ist ein 0:0 das schönste Ergebnis", grinste der Torwart. Vielleicht war dieses torlose Remis kein Leckerbissen, aber eines der Sorte, die man nicht vergisst - weil 33 133 Menschen gleichzeitig den Moment erlebten, als Fußball zur Tragikomödie wurde. Und so bleibt am Ende nur zu sagen: Real Caracas spielte wie ein Orchester ohne Dirigent - harmonisch, laut, aber ohne den finalen Ton. 25.09.643993 00:59 |
Sprücheklopfer
In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball.
Thomas Häßler