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Es gibt Fußballspiele, bei denen man sich fragt, ob die Statistikabteilung vielleicht einen Scherz macht. Dieses hier war so eines. 35.815 Zuschauer im Estadio Olímpico von Caracas sahen am 30. Spieltag der 1. Liga Venezuela, wie Real Caracas 17 Mal aufs Tor schoss - und dennoch mit 0:1 gegen AD Monagas verlor. Der Gast wiederum brachte genau einen einzigen Ball auf den Kasten. Und genau dieser zappelte im Netz. "Ich habe selten so viel Pech auf einem Platz gesehen, ohne dass ein schwarzer Kater über die Mittellinie gelaufen ist", schnaubte Trainer Eiko Henke nach Abpfiff. Man konnte ihm schwer widersprechen. Seine Mannschaft rannte, kombinierte, flankte - und scheiterte unermüdlich an Monagas-Keeper Manfred Behrens, der an diesem Abend wohl auch einen Medizinball gefangen hätte. Die Chronologie des Leidenswegs: Schon in der 3. Minute donnerte Innenverteidiger Kai Marx einen Gewaltschuss aufs Tor - ein frühes Zeichen, dass Caracas mehr als gewillt war, den Abend zu gestalten. Pierre Silvestre flankte, Carlos Panero dribbelte, Francisco Gallardo prüfte den Torwart gleich mehrfach. Doch der Ball wollte einfach nicht rein. Dann, in der 40. Minute, der Moment, der das Spiel entschied: Monagas’ Rechtsaußen Julio Adao nutzte den einzigen ernstzunehmenden Ausflug nach vorn, flankte butterweich auf den langen Pfosten, wo Roberto Antunez lauerte. Ein Kontakt, ein Strahl ins rechte Eck - Tor. 0:1. Das war’s. Der Rest des Spiels fühlte sich an wie ein Dauertest für die Nerven der Heimfans. "Ich habe einfach den Fuß hingehalten", grinste Antunez später in der Mixed Zone. "Und plötzlich wurde ich zum Helden." Sein Trainer, der bescheiden bleiben wollte, murmelte nur: "Wir haben das umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten - nämlich das Tor treffen." Real Caracas dagegen dominierte alles außer dem Ergebnis. 44,7 Prozent Ballbesitz klangen zwar nach weniger, aber sie waren von der intensiven Spielweise geprägt. Henkes Mannschaft kämpfte, gewann 58 Prozent der Zweikämpfe, und doch fehlte das Quäntchen Glück. Selbst als der junge Daniel Gebhardt kurz nach der Pause aus 15 Metern abzog, schien das Tor wie vernagelt. In der 52. Minute brachte Henke frischen Wind: Agemar Manuel kam für den ausgelaugten Panero. Später folgten Silvestre Meireles und Michel Brinkmann. Der Teenager Meireles schoss kurz nach seiner Einwechslung beherzt aufs Tor - und kassierte nur drei Minuten später Gelb, weil er in seiner jugendlichen Ungestümheit mehr Ball als Gegner trat. "Ich wollte nur zeigen, dass ich da bin", sagte er nach dem Spiel mit einem entschuldigenden Lächeln. Caracas drückte weiter, die Zuschauer feuerten an, als hinge ihr Leben davon ab. Gallardo verpasste in der 78. Minute aus kürzester Distanz, dann noch einmal in der 82., ehe Cesc Benito im Frust eine unnötige Gelbe sah. Als Schiedsrichter Ortiz in der 90. Minute abpfiff, blickten 22 erschöpfte Männer auf den Rasen - nur einer grinste: Roberto Antunez, der Mann des Abends. "Wir haben versucht, taktisch ausgewogen zu bleiben", erklärte Trainer Henke fast trotzig. "Aber Fußball ist kein Statistikspiel. Wenn du 17 Mal schießt und nichts triffst, dann hast du entweder ein Torwartproblem - oder ein Schicksalsproblem." Auf die Frage, ob er an Flüche glaube, antwortete Henke trocken: "Nach heute? Ja." Für AD Monagas war es ein Sieg der Effizienz und der Zähigkeit. Sie hatten 55 Prozent Ballbesitz, aber kaum Offensivaktionen - dafür eine, die saß. Ihre Verteidiger Humberto Barros (mit Gelb nach rustikalem Einsteigen) und Antonio Mocana warfen sich in jeden Schuss. Torhüter Behrens, der schweigsame Held, sagte nur: "Es war ein guter Tag im Büro." Real Caracas indes muss sich fragen, wie man ein Spiel so klar dominieren und trotzdem verlieren kann. Vielleicht war es einfach einer jener Abende, an denen der Fußball seine grausame, aber faszinierende Seite zeigt: die, in der der Fleißige verliert und der Glückliche triumphiert. Henke verabschiedete sich schließlich mit einem bitteren Lachen: "Ich glaube, wir könnten noch drei Stunden spielen - und das Tor würde sich immer noch weigern." Ein Satz, der das Spiel perfekt zusammenfasst. Es war kein schlechter Fußballabend - nur einer, der wieder einmal bewies, dass Statistiken Tore nicht zählen. Und irgendwo in Caracas dürfte noch immer ein Ball durch die Nacht fliegen, auf der Suche nach seinem verdienten Ziel. 02.09.643993 11:21 |
Sprücheklopfer
Wir waren alle vorher überzeugt davon, dass wir das Spiel gewinnen. So war auch das Auftreten meiner Mannschaft, zumindest in den ersten zweieinhalb Minuten.
Peter Neururer