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Es war ein Abend, an dem die Luft über dem Estadio Nacional von Caracas flimmerte - nicht nur wegen der tropischen Temperaturen, sondern auch wegen der Emotionen. 35.627 Zuschauer sahen, wie Real Caracas gegen Deportivo Zulia mit 1:2 unterlag - und das trotz früher Führung. Das Spiel begann, wie es sich die Hausherren erträumt hatten: mutig, temporeich, mit jugendlichem Überschwang. Schon in der 14. Minute zappelte der Ball im Netz. Der 21-jährige Rechtsaußen Agemar Manuel, der aussieht, als würde er nach dem Spiel noch Mathehausaufgaben machen müssen, traf nach feinem Zuspiel von Iker Peyroteo zum 1:0. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Manuel später in die Kameras. "Der Trainer sagt immer, ich soll mutiger werden - da hab ich halt mal zugehört." Doch wer dachte, dass Caracas den Schwung nutzen würde, sah sich getäuscht. Zulia, unter der Leitung des erfahrenen Adrian Jordao im Sturmzentrum, ließ sich nicht beeindrucken. In der 38. Minute drehte Jordao selbst auf und verwandelte eine flache Hereingabe von Marco Veloso zum Ausgleich. Vier Minuten später folgte der Doppelschlag: Bruno Verdasco, eigentlich eher bekannt für seine Flankenläufe, schlenzte den Ball nach einem Kopfballablage von Jorge Machado unhaltbar in den Winkel. 2:1 für Zulia - und im Stadion herrschte plötzlich betretenes Schweigen. "Wir haben kurz den Faden verloren", gab Real-Coach Eiko Henke nach dem Spiel zu. "Und leider auch das Tor getroffen - aber das falsche." Ein sarkastisches Lächeln konnte er sich dabei nicht verkneifen. Zur Halbzeit stellte Henke um: Xavi Eusebio musste weichen, Michel Brinkmann kam ins Spiel. Doch trotz leichtem Übergewicht im Mittelfeld blieb Caracas’ Offensivdrang Stückwerk. Zwar verzeichneten die Gastgeber am Ende zwölf Torschüsse (Zulia kam auf acht), doch Präzision war Mangelware. Julian de Almeida prüfte Torwart Bruno Mocana gleich mehrfach (52., 57., 67.), doch der Keeper der Gäste hatte offenbar Spiderman-Gene. "Ich hab einfach versucht, den Ball festzuhalten", meinte Mocana schlicht. "Und manchmal hat’s sogar geklappt." In der 53. Minute sah Innenverteidiger Cesc Benito Gelb, nachdem er den enteilten Filipe Deco mit einer Grätsche stoppte, die man freundlich als "ambitioniert" bezeichnen konnte. "Ich hab nur den Ball gesehen", verteidigte sich Benito später - woraufhin sein Trainer trocken antwortete: "Ja, aber der Ball lag auf der anderen Seite des Feldes." Das Spiel blieb intensiv. Caracas drückte, Zulia lauerte. In der 75. Minute musste der junge Adriano Machado nach einem Zweikampf verletzt vom Feld - ausgerechnet kurz nachdem er für Tomas Fritz gekommen war. Eine bittere Szene, die Henke sichtlich mitnahm. "So ist Fußball", seufzte er. "Man wechselt, um Stabilität zu bringen - und bekommt stattdessen einen Physiotherapietermin." Zulia verteidigte den Vorsprung mit Geschick und ein wenig südamerikanischem Pragmatismus. Zwei spätere Gelbe Karten (Veloso 85., Machado 89.) nahmen die Gäste in Kauf, um den Sieg über die Zeit zu bringen. Caracas warf in den letzten Minuten alles nach vorn, und wieder war es Agemar Manuel, der in der 91. Minute noch einmal abzog - aber der Ball strich knapp über die Latte. Die Zuschauer verabschiedeten ihr Team mit höflichem Applaus, der mehr Mitleid als Begeisterung verriet. Am Ende standen zwar bessere Zweikampfwerte (53 % gewonnene Duelle) und fast ausgeglichener Ballbesitz (48:52) auf Seiten der Hauptstädter, doch auf der Anzeigetafel blieb das, was zählt: 1:2. "Wir haben heute gezeigt, dass wir kämpfen können", sagte Henke zum Schluss, "nur leider nicht, wie man gewinnt." Sein Gegenüber, Zulia-Trainer Luis Romero, grinste breit: "Caracas ist schwer zu schlagen - aber nicht unmöglich. Wir hatten heute einfach mehr Geduld. Und vielleicht ein bisschen mehr Sonne im Herzen." Ein bisschen Sonne - und zwei Tore. Während Zulia jubelnd in die Nacht von Caracas verschwand, blieb den Gastgebern nur der Trost, dass auch Niederlagen manchmal Geschichten schreiben. Geschichten von Jugend, Fehlern, Leidenschaft - und der Erkenntnis, dass Fußball eben kein Wunschkonzert ist, sondern manchmal einfach ein 1:2. Und irgendwo in der Kabine summte Agemar Manuel leise vor sich hin: "Nächstes Mal schieß ich zwei." Trainer Henke soll darauf nur geantwortet haben: "Mach erst mal einen, der zählt." 24.06.643993 07:42 |
Sprücheklopfer
Wir waren alle vorher überzeugt davon, dass wir das Spiel gewinnen. So war auch das Auftreten meiner Mannschaft, zumindest in den ersten zweieinhalb Minuten.
Peter Neururer