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Wenn 36.000 Zuschauer in Maracaibo an einem lauen Januarabend den Atem anhalten, dann ist Pokalzeit. Und diesmal bekamen sie alles, was das Fußballherz begehrt - und ein bisschen mehr: sieben Tore, Verlängerung, jugendlichen Heldenmut und einen Trainer, der nach Abpfiff heiser grinste. Am Ende jubelte Real Caracas über ein 4:3 nach Verlängerung gegen CF Maracaibo - und das Viertelfinale des Pokals wurde zur abenteuerlichen Lehrstunde in Sachen Effizienz. "Wir wollten das Spiel kontrollieren, aber Caracas hat einfach öfter auf unser Tor geschossen als wir auf deren", sagte Maracaibos junger Keeper Matias Bischoff mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Selbstironie und Resignation pendelte. 18 Torschüsse für Caracas, nur sieben für die Gastgeber - die Statistik erzählte eine klare Geschichte. Doch das Spiel selbst, das war ein wilder Ritt. Schon früh zeigte Real Caracas, dass sie nicht zum Sightseeing gekommen waren. Carlos Panero, der 30-jährige Rechtsaußen mit der Statur eines Tänzers und dem Selbstbewusstsein eines Torjägers, prüfte den Torwart gleich dreimal in den ersten zwanzig Minuten. Beim vierten Versuch, in der 20. Minute, war es dann aber Francisco Gallardo, der das Netz zappeln ließ - 0:1, und die Heimfans schauten sich an, als hätten sie gerade das Ende eines schlechten Films gesehen. Doch Caracas war noch nicht fertig. In der 38. Minute legte Panero selbst nach, nach feiner Vorarbeit von Julian de Almeida. "Ich hab nur noch gezielt", sagte Panero nach dem Spiel und grinste, als hätte er gerade ein Kunstwerk verkauft. Sechs Minuten später brachte Pieter Wetherwax Maracaibo mit einem trockenen Abschluss zurück ins Spiel - 1:2, und plötzlich roch das Stadion wieder nach Hoffnung (und Bier). Nach der Pause kam Caracas sofort wieder mit einem Nadelstich: Panero in der 46. Minute, sein zweites Tor, 1:3. Auf der Bank der Gastgeber dürften in diesem Moment einige Flaschen Wasser gelitten haben. Doch Maracaibo hatte noch Herz, und was für eins: In der 60. Minute war es der 22-jährige Jacinto Derlei, der nach Vorlage von Cesc Antunes den Ball unhaltbar in die Maschen drosch. Nur drei Minuten später traf erneut Wetherwax - und das Stadion explodierte. 3:3! Trainer Eiko Henke von Real Caracas, sonst die Ruhe in Person, raufte sich da erstmals die Haare. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn wir schon das Spiel aus der Hand geben, dann wenigstens mit Stil." Stilvoll war es dann tatsächlich, wenn auch nervenzerfetzend. In der 78. Minute wechselte Henke gleich dreifach - Jugend statt Erfahrung: Meireles (18), Bauza (19) und Manuel (20) kamen. Ein Risiko, das sich lohnen sollte. Denn in der 104. Minute, längst in der Verlängerung, war es der junge Agemar Manuel, der nach Vorlage von Altmeister Alex Barros das entscheidende 4:3 erzielte. Ein Schuss, so präzise wie ein Uhrwerk, so kalt wie die Nerven eines Profis. "Ich hab nicht nachgedacht. Wenn ich nachdenke, schieß ich drüber", sagte Manuel später mit einem Grinsen, das die halbe Mannschaft ansteckte. Maracaibo warf danach alles nach vorn, doch mehr als ein abgefälschter Schuss von Derlei (82.) und ein verzweifelter Kopfball von Wetherwax kam nicht mehr. Die Beine schwer, die Gesichter leer - und doch Applaus von allen Rängen. "Wenn wir schon rausfliegen, dann wenigstens mit Spektakel", meinte Maracaibos Kapitän Felipe Valdo, bevor er im Kabinengang verschwand. Während Real Caracas feierte, saß Trainer Henke noch Minuten später auf der Bank, die Hände auf den Knien. "Ich bin stolz auf die Jungs. Sogar auf Tiago, trotz Gelber Karte", lachte er und spielte auf den 19-jährigen Bauza an, der sich kurz vor Schluss noch notieren ließ. "Wir haben heute ein Stück Zukunft gesehen." Und das mag stimmen. Denn wer mit drei Teenagern in der Verlängerung ein Pokalspiel entscheidet, hat wohl mehr als Glück - er hat Mut. Am Ende blieb den Fans von Maracaibo nur der Trost, Zeugen eines epischen Spiels gewesen zu sein. Ein Spiel, das man noch erzählen wird. Vielleicht mit einem leichten Schmunzeln - und dem Satz: "Weißt du noch, damals, als Caracas in der 104. Minute…?" Ein Pokalabend, der alles hatte - außer Langeweile. 15.11.643987 17:00 |
Sprücheklopfer
Es gibt nur einen Ball. Wenn der Gegner ihn hat, muß man sich fragen: Warum!? Ja, warum? Und was muß man tun? Ihn sich wiederholen!
Giovanni Trappatoni