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Ein lauer Märzmorgen in Caracas? Mitnichten. Am Donnerstagabend brodelte das Estadio Nacional wie eine übervolle Espressokanne - 34.201 Zuschauer sahen Real Caracas beim 2:0 gegen Adagua FC einen Sieg der Kategorie "endlich platzt der Knoten". Nach 75 Minuten war der Geduldsfaden der Heimfans schon so dünn wie die Abseitslinie, doch dann kam Xavi Eusebio, der Mann mit der Ruhe eines Schachspielers und dem rechten Fuß eines Uhrmachers. Bis dahin hatten sich die Gastgeber an der kompakten Adagua-Abwehr die Zähne ausgebissen. Zwar hatte Real Caracas mehr Torschüsse (14:6), aber weniger Ballbesitz - 44,7 Prozent laut Statistik, was wohl daran lag, dass Adagua den Ball liebte, aber nicht wusste, was man damit anfangen soll. "Man kann sich vom Ballbesitz leider nichts kaufen", grinste Real-Trainer Eiko Henke später süffisant. "Außer vielleicht einem Gefühl der Kontrolle. Aber selbst das war trügerisch." Die erste Halbzeit war zäh wie Kaugummi. Xavi Eusebio eröffnete schon nach einer Minute mit einem Fernschuss, der so weit am Tor vorbeiging, dass er fast als Flanke durchging. Danach folgten Szenen, in denen Agemar Manuel und Francisco Gallardo zwar fleißig Torschüsse sammelten, aber der Adagua-Keeper Joseba Veloso sich als lebende Wand präsentierte. "Ich fühlte mich wie in einem Videospiel - nur dass man da irgendwann den Schwierigkeitsgrad runterstellen kann", stöhnte Gallardo später mit einem Augenzwinkern. Kurz vor der Pause dann das erste Lebenszeichen der Gäste: Marco Pacos prüfte Real-Torhüter Sergio Cortes aus spitzem Winkel (30.), und kurz darauf versuchte sich Bogdan Juran (44.) - beide Male blieb Cortes standhaft. "Der Junge riecht Bälle, bevor sie geschossen werden", lobte Henke seinen Schlussmann. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild kaum. Gelbe Karten begannen, den Platz zu färben - Eusebio (39.), Marx (55.) und Tosic (65.) sammelten Verwarnungen, als wollten sie ein Bonusprogramm starten. Auch Adagua mischte mit: Dalia Eban (81.) und der junge Michel Ze Castro (92.) sorgten für den gelben Schlussakkord. Der Wendepunkt kam dann in der 76. Minute. Michel Brinkmann, gerade erst eingewechselt, steckte den Ball elegant durch die Gasse, Eusebio nahm Maß und vollendete trocken ins rechte Eck. Das Stadion explodierte, Trainer Henke sprang mit einem Satz, der selbst einem Stabhochspringer Ehre gemacht hätte, in die Luft. "Ich hatte das Gefühl, der Ball rollt in Zeitlupe - und als er drin war, war’s, als hätte jemand den Stummfilm wieder lautgeschaltet", sagte Eusebio später lachend. Nur drei Minuten danach revanchierte sich der Torschütze. Julian de Almeida, kaum im Spiel, legte quer, Brinkmann schob zum 2:0 ein (79.). Der Doppelschlag ließ Adagua endgültig taumeln. "Wir waren eigentlich noch im Jubel über das erste Tor, da fiel schon das zweite", gestand Henke mit einem Grinsen. "So mag ich das." Adagua-Coach - dessen Name das Protokoll nicht überlieferte, wohl aus Selbstschutz - reagierte konsterniert. Seine Mannschaft hatte mehr Ballbesitz, aber weniger Zug. "Wir haben gut kombiniert, aber Fußball wird nun mal im Strafraum entschieden, nicht im Mittelkreis", gab Mittelfeldspieler David Xavier nachdenklich zu. Einen besonderen Moment erlebte das Publikum mit der Einwechslung des 17-jährigen Rafael Leao (79.). Der Youngster sprintete aufs Feld, als wolle er die gesamte rechte Seite im Alleingang umpflügen. "Ich hab’ mir vorgenommen, wenigstens einmal den Ball zu berühren", grinste er später in der Mixed Zone. "Hat geklappt!" Am Ende jubelte Real Caracas über drei Punkte, die härter erarbeitet waren, als das nackte 2:0 vermuten lässt. Adagua hatte zwar 55 Prozent Ballbesitz, aber kaum Ideen, und Real brauchte lange, um die Mauer zu knacken. Die Fans feierten ihre Helden, während Trainer Henke auf dem Rasen stand und tief durchatmete. "Ich glaube, ich brauch jetzt kein Fitnessstudio mehr - das waren 90 Minuten voller Puls", scherzte er. Ein Sieg also, der nicht glanzvoll, aber verdient war. Real Caracas bleibt damit im Rennen um die oberen Tabellenplätze und bewies einmal mehr, dass Geduld im Fußball manchmal eben doch belohnt wird - auch wenn sie 75 Minuten dauert. Oder, wie ein Fan beim Verlassen des Stadions rief: "Wir hätten früher treffen können - aber so war’s spannender!" Und wer will ihm da widersprechen? 26.09.643993 07:27 |
Sprücheklopfer
In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball.
Thomas Häßler