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Ein lauer Februarabend in Caracas, 34.915 Zuschauer im Estadio Metropolitano, und doch lag für einen Moment Eis in der Luft. Denn Real Caracas, der stolze Klub von Trainer Eiko Henke, stand nach 27 Minuten mit hängenden Köpfen da - 0:1 gegen AD Zamora. Carlos Albacar, 34 Jahre alt, mit der Ruhe eines Mannes, der schon alles gesehen hat, hatte den Ball nach feiner Vorarbeit von Noe Dominguez trocken ins rechte Eck gesetzt. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", gestand Real-Verteidiger Adriano Machado später, "aber er war’s leider nicht." Dabei hatte alles so munter begonnen. Schon in der ersten Minute prüfte Iker Peyroteo den Zamora-Keeper mit einem Distanzschuss - ein frühes Zeichen, dass Caracas nicht vorhatte, sich zu verstecken. Doch dann kippte das Momentum. Zamora spielte offensiv, wie es die Taktik des Gastes vorgab, und überließ den Hausherren die Mühe, hinterherzulaufen. Zwei frühe Gelbe für Caracas - Michel Brinkmann in Minute 2, später Ferenc Soos in der 52. - unterstrichen die wachsende Nervosität. Und als ob das nicht reichte, verletzte sich Torwart Helmut Ackermann kurz vor der Halbzeit. Ersatzmann Sergio Cortes musste in der 29. Minute ran - ein Wechsel, der laut Trainer Henke "so nicht im Drehbuch stand". Cortes, sonst eher der ruhige Typ, meinte später schmunzelnd: "Ich hatte gerade noch meinen Tee in der Hand, da hieß es schon: rein da." Trotz allem: Real Caracas blieb am Leben. 17 Torschüsse, 55 Prozent Ballbesitz und eine Tacklingquote von über 55 Prozent belegen, dass der Wille stimmte. Nur die Präzision fehlte - bis zur 72. Minute. Da war es Tomas Fritz, Innenverteidiger mit der Physis eines Abrissunternehmers, der nach einem Eckball von Peyroteo per Kopf zum 1:1 einnickte. Das Stadion erwachte. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass er reingeht", grinste Fritz, dessen Jubelpose irgendwo zwischen ekstatisch und unbeholfen lag. Vier Minuten später dann die Explosion: Agemar Manuel, 21 Jahre jung, sprintete nach einem Steilpass - natürlich von Fritz - durch die Gasse, blieb cool und schob zum 2:1 ein. Henke riss die Arme hoch, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. "Er hat trainiert wie ein Besessener", lobte der Coach hinterher. "Und wer viel läuft, darf auch mal treffen." Zamora reagierte, aber mehr mit Wut als mit Struktur. Pol Ferron versuchte es aus allen Lagen, Oscar Viana donnerte den Ball in der 86. Minute ans Außennetz, und schließlich flog Lorenzo Van Poucke in der Nachspielzeit mit Rot vom Platz - ein Tritt, der so spät kam, dass selbst der Schiedsrichter kurz zögerte, ob er ihn noch werten müsse. Das Publikum verabschiedete Real Caracas mit stehenden Ovationen. 2:1 - ein Sieg, der moralisch mehr wog als die drei Punkte. "Wir haben endlich wieder gezeigt, dass wir Rückschläge drehen können", sagte Peyroteo, der Taktgeber im Mittelfeld, während er sich die Schweißperlen aus den Augen rieb. Zamoras Trainer, der sich nach dem Spiel nicht zitieren lassen wollte, stapfte wortlos in die Kabine. Nur ein Mitarbeiter murmelte: "Er überlegt, ob er künftig Defensiv spielen lässt." In der Statistik liest sich der Abend wie eine Lehrstunde in Geduld: Caracas dominierte, 17 Schüsse zu 7, 55 Prozent Ballbesitz, und dennoch drohte das Spiel lange zu entgleiten. Vielleicht war es genau diese Zähigkeit, die dem Team am Ende den Sieg bescherte. Und so endete der 18. Spieltag der 1. Liga Venezuela mit einem Happy End für die Hauptstädter - und einer Lektion für alle, die glauben, Fußball sei planbar. Eiko Henke brachte es später auf den Punkt: "Manchmal musst du in Rückstand geraten, um dich selbst zu finden." Vielleicht ist das der wahre Zauber dieses Spiels: dass es, wie das Leben, selten nach Plan läuft - aber manchmal trotzdem genau richtig endet. 03.01.643991 14:19 |
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Berti Vogts ist die arme Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird.
Rainer Calmund