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59.000 Zuschauer im Estadio Nacional von Guayana erlebten ein Finale, das alles hatte: frühen Jubel, zähe Minuten, taktisches Schach und ein Teenager, der zur Legende wurde. Am Ende triumphierte Real Caracas mit 2:1 (0:1) über CD Guayana - ein Sieg, der in den letzten Atemzügen des Spiels geboren wurde. Schon nach neun Minuten bebte der Beton. Duarte Ramiro, der rechte Flügelblitz der Gastgeber, zog nach feinem Zuspiel von Matthias Ingels aus halbrechter Position ab und ließ Real-Keeper Sergio Cortes keine Chance. "Wenn Duarte so trifft, kann man nur applaudieren", murrte Real-Trainer Eiko Henke später, "aber wir wussten, dass noch genug Zeit bleibt." Guayana dominierte die erste Halbzeit mit 56 Prozent Ballbesitz, 15 Torschüssen insgesamt und einer Spielfreude, die an Samba erinnerte - allerdings ohne das nötige Rhythmusgefühl im Abschluss. Vicente Adao schoss in der 16. Minute knapp drüber, Didier Scharboneau prüfte Cortes mehrfach, doch das zweite Tor wollte partout nicht fallen. Trainer Carlos Valderrama, mit goldener Mähne und gewohnt theatralischer Gestik, wirbelte an der Seitenlinie: "Wir hätten das 2:0 machen müssen. Im Fußball rächt sich so etwas fast immer." Real Caracas hingegen wirkte lange wie ein Boxer, der auf den richtigen Moment wartet. Erst nach dem Seitenwechsel, als Henke den Routinier Alex Barros brachte und das Pressing verschärfte, kippte das Spiel. In der 52. Minute zirkelte Carlos Panero nach Vorarbeit von Laurent Lenentine den Ball ins lange Eck - 1:1. Panero grinste später: "Ich wollte eigentlich flanken. Aber wenn’s drin ist, sag ich natürlich: Absicht!" Von da an wurde es ein offener Schlagabtausch. Guayana rannte, kombinierte, verzweifelte. Hugo Mendo sah Gelb, Joao Fontàs später ebenfalls - Symbolbilder einer Mannschaft, die sich aufrieb. Als dann auch noch Ramiro in der 84. Minute verletzt vom Platz musste, schien der Glaube zu schwinden. Ersatzmann Claude Marcel lief zwar viel, aber die Magie des Torschützen fehlte. Und dann kam die 88. Minute. Der 18-jährige Vitor Andrade, erst seit 15 Minuten im Spiel, startete auf links, bekam einen Zuckerpass von Rechtsverteidiger Veljko Tosic - und nagelte den Ball humorlos ins rechte Kreuzeck. 2:1, Finale gedreht, Caracas außer sich. Trainer Henke riss die Arme hoch, während Valderrama sich fassungslos durch die Haare fuhr. "Der Junge… der hat doch kaum Bartwuchs!", soll der Kolumbianer geflüstert haben. Guayana versuchte es noch einmal, getrieben von der Verzweiflung und den Gesängen der Fans, die längst heiser waren. Adao kam in der 85. Minute noch zu einer Riesenchance, doch Cortes hielt mit den Fingerspitzen - sinnbildlich für den Willen der Gäste. "Ich hab einfach gehofft, dass der Ball mich trifft", lachte der Torhüter nach Abpfiff. Statistisch liest sich das wie ein Paradox: Mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, bessere Zweikampfquote - und doch steht CD Guayana mit leeren Händen da. Real Caracas dagegen nutzte seine Momente eiskalt, spielte clever und hatte am Ende das, was in Finals zählt: Nerven aus Stahl. Im Presseraum danach herrschte zweigeteilte Stimmung. Henke, mit breitem Grinsen, lobte seine Mannschaft: "Wir haben gezeigt, dass Erfahrung und jugendlicher Leichtsinn eine tödliche Mischung sein können - im positiven Sinn." Valderrama hingegen winkte ab: "Ich hab lieber eine Mannschaft, die spielt, als eine, die lauert. Aber heute hat das Lauern gewonnen." Während die Spieler von Caracas den Pokal in den Nachthimmel stemmten, saßen einige Guayana-Profis noch minutenlang auf dem Rasen - fassungslos, wie ein Zaubertrick ohne Pointe. Vielleicht wird man in Guayana noch lange von diesem Finale sprechen. Von Ramiros frühem Strahl, von Adãos vergebenen Chancen, von Andrades jugendlicher Unbekümmertheit. Und vielleicht, ganz vielleicht, von der Erkenntnis, dass Fußball manchmal kein Spiel der Logik, sondern der Geduld ist. Oder, wie es Panero mit einem Augenzwinkern formulierte: "Manchmal musst du 80 Minuten leiden, um zehn Minuten Geschichte zu schreiben." Ein Pokalfinale, das in Erinnerung bleibt - weil es alles hatte. Leidenschaft, Dramatik, und eben diesen einen Teenager, der das Märchen von Caracas schrieb. 13.04.643990 10:54 |
Sprücheklopfer
Wenn ein Tor fällt, können noch mehr fallen. Aber es muss erst mal eins fallen.
Erich Ribbeck