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Wer an diesem frostigen 5. Januarabend in Naltschik ins Stadion kam, wollte eigentlich Fußball sehen - bekam aber eine Lehrstunde in Demütigung. Ramenskoje fegte über Sparta Naltschik hinweg wie ein sibirischer Schneesturm: 7:0 hieß es am Ende, und man hatte das Gefühl, selbst die Flutlichtmasten neigten sich aus Mitleid mit den Hausherren. Schon nach zehn Minuten war klar, wohin die Reise geht. Carl Galindez, der rechte Mittelfeldmann mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks, nagelte den Ball nach Zuspiel von Dimas Gomes unhaltbar ins Eck. Sparta-Torwart Igor Lebedew streckte sich vergeblich - und man ahnte, das wird kein gemütlicher Abend. "Wir waren eigentlich ganz gut im Spiel", stammelte Naltschiks Kapitän Eldar Jursinow später, "aber dann fiel das erste Tor - und irgendwie fiel dann alles." Es fiel tatsächlich: die Ordnung, die Moral, das Selbstvertrauen. In der 22. Minute erhöhte Marco Chiaravalle auf 2:0, nach feinem Pass von Bruno Marcel. Und kurz vor der Pause durfte auch Gordej Kalaschnikow ran - der Name war an diesem Abend Programm: sein Schuss war eine Salve, die das 0:3 markierte. Zur Halbzeit sah Trainer Andreas Kluenker von Ramenskoje fast verlegen aus. "Ich habe den Jungs gesagt, sie sollen ein bisschen den Ball laufen lassen", grinste er später. "Aber anscheinend verstehen sie unter Ball laufen lassen etwas anderes." Direkt nach Wiederanpfiff, in der 46. Minute, drosch Daniel Savard den Ball zum 0:4 in die Maschen. Sparta Naltschik stand noch in der Kabine - zumindest geistig. Wer dachte, Ramenskoje würde nun einen Gang zurückschalten, wurde enttäuscht - oder unterhalten, je nach Perspektive. Knut Lauritzen machte in der 59. Minute das 0:5, nach einem cleveren Zuspiel von Innenverteidiger Ignati Filatow. Dann kam wieder Kalaschnikow: Doppelschlag in der 68. und 69. Minute, beide Male nach Vorarbeit von Gilmullin. 7:0! Die Zuschauer trauten ihren Augen nicht. Einige applaudierten sogar - wohl aus purer Fassungslosigkeit. Dabei war die Statistik fast ein Hohn: 50,9 Prozent Ballbesitz für Sparta Naltschik, also theoretisch gleichauf. Aber was nützt Ballbesitz, wenn der Ball nur im eigenen Drittel kreist? Drei magere Torschüsse standen 20 Ramenskojer gegenüber. "Wenn man 20 Mal aufs Tor schießt, darf auch mal einer reingehen", witzelte Kluenker - und grinste dabei wie ein Mann, der weiß, dass sieben reingingen. Kurz vor Schluss wurde es noch kurios: Ramenskojes Abwehrchef Innokenti Gilmullin sah nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot (85.). "Ich wollte nur zeigen, dass ich auch noch da bin", sagte er lachend. Sein Trainer verdrehte die Augen: "Das war die einzige Szene, die ich nicht auf der Highlight-CD haben will." Sparta Naltschik dagegen suchte nach Erklärungen. Trainerkommentare gab es keine - angeblich war das Mikrofon des Presseraums "defekt". Ein Vereinsmitarbeiter raunte: "Vielleicht hat der Trainer einfach keine Worte gefunden." Verständlich. Torwart Lebedew hingegen fand welche: "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Ich dachte, das ist ein Scherz." Verteidiger Slawa Malzew, der in der 87. Minute noch Gelb sah, murmelte: "Wir wollten zu null spielen - das hat zumindest auf unserer Seite funktioniert." Das Publikum - 12.500 Unentwegte - nahm es mit Galgenhumor. "Wenigstens war’s warm durch das viele Kopfschütteln", witzelte ein Fan auf der Tribüne. Fazit: Ramenskoje präsentierte sich als eiskalte Effizienzmaschine - dynamisch, passsicher, gnadenlos. Sparta Naltschik dagegen wirkte, als hätte man sie mitten im Winter aus dem Winterschlaf geweckt. Und während Ramenskoje den Abend vermutlich mit heißem Tee und breitem Grinsen beendete, dürfte in Naltschik die Frage lauter werden, ob man künftig vielleicht mit weniger "ausgewogener" Taktik und mehr Widerstand auftreten sollte. Oder, wie es Gordej Kalaschnikow nach seinem Hattrick trocken formulierte: "Manchmal läuft’s einfach - und manchmal läuft der Gegner nur hinterher." Ein 7:0, das in den Geschichtsbüchern bleiben wird - zumindest in denen von Ramenskoje. 06.03.643987 09:25 |
Sprücheklopfer
Sicherlich haben wir im Moment einen kleinen Lauf, aber Lauf heißt ja bekanntlich Lauf, weil's von laufen kommt.
Matthias Sammer