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Es war ein Abend, an dem die Quebec Blues nicht nur Fußball spielten, sondern fast schon eine Eislaufgala veranstalteten - allerdings mit Stollen statt Schlittschuhen. 40.385 Zuschauer trotzten am 5. Spieltag der 1. Liga Kanada dem frostigen Februarwind und wurden belohnt: Ein 4:0-Heimsieg gegen White Rock United, der so deutlich war, dass selbst Trainer Lutz Lindemann nach Abpfiff zugab: "Ich hab’ irgendwann aufgehört zu zählen. Und das passiert mir selten." Schon der Auftakt war ein Paukenschlag. In der achten Minute zündete Kobe Piersens den Turbo, ließ seinen Gegenspieler aussehen wie einen frierenden Touristen und schob eiskalt zum 1:0 ein. "Oli hat mir den Ball perfekt serviert, ich musste nur noch den Fuß hinhalten", grinste Piersens später - ein Understatement, das wohl in die Kategorie höfliche Lüge fällt. Denn was er da tat, sah eher nach Kunst als nach Zufall aus. Nur fünf Minuten später legten die Blues nach: Tom Brees, der sich sonst lieber im Mittelfeld als im Rampenlicht aufhält, bekam einen butterweichen Pass von Olivier Krieger und wuchtete den Ball zum 2:0 ins Netz. White Rocks Torhüter Rhys Nicksay schaute dem Ball nur hinterher - vermutlich, weil er selbst nicht glauben konnte, dass seine Abwehr schon wieder offen stand wie ein Bahnsteigtor. Und damit nicht genug: In der 14. Minute machte Piersens das, was Stürmer tun, wenn sie einen Lauf haben - sie treffen einfach nochmal. Nach einem feinen Zuspiel von Julio Ordonez vollendete der Linksaußen eiskalt zum 3:0. Die Blues spielten, als hätten sie Kaffee statt Wasser getrunken, während White Rock United wirkte, als hätte man ihnen die Heizdecke weggenommen. Zur Pause war die Partie praktisch entschieden. Die Statistiken sprachen Bände: 10 Torschüsse für Quebec, null für White Rock. Und das, obwohl die Gäste laut Ballbesitzanzeige sogar knapp vorne lagen - 50,2 Prozent. "Tja, Ballbesitz ist schön, aber Tore zählen", kommentierte Lindemann trocken. Nach der Pause schalteten die Blues nur kurz zurück, um dann wieder anzuziehen. In der 60. Minute durfte sich auch Olivier Krieger in die Torschützenliste eintragen - nach Vorarbeit des Innenverteidigers Rhys Hamlin, der kurz zuvor ausgewechselt werden sollte, sich aber offenbar dachte: "Wenn schon runter, dann mit Stil." 4:0, und die Fans sangen, als sei der Winter vorbei. White Rock United kam in der 61. Minute tatsächlich zu einem Torschuss - der einzige des Abends. Javier Custodio versuchte es aus der Distanz, aber Torhüter Thomas Trottier musste nicht einmal seine Handschuhe schmutzig machen. "Das war kein Schuss, das war ein höflicher Versuch, sich vorzustellen", witzelte ein Fan auf der Tribüne. In den letzten 30 Minuten wurde es hitziger. Erst sah Leon Bureau Gelb (36.), dann sammelten die jungen Wilden Didier Lessard (85.) und schließlich Matthijs Coster (89.) ebenfalls Verwarnungen. Letzterer schaffte das Kunststück, sich in der 90. Minute noch Gelb-Rot abzuholen - vermutlich, um die Dusche nicht mit den anderen teilen zu müssen. "Er wollte wohl warm werden", grinste Lindemann hinterher. White Rocks Trainer, der sich nach Abpfiff nur ungern äußerte, murmelte etwas von "unglücklichem Spielverlauf" und "fehlender Konsequenz". Übersetzt heißt das: Wir hatten keine Chance. Taktisch war der Unterschied frappierend. Während die Blues mit "starker Aggressivität" und sicherem Abschlussverhalten auftraten, blieb White Rock in seiner "ausgewogenen" Lethargie stecken. Pressing? Fehlanzeige. Die Blues dagegen liefen, kämpften, kombinierten - und wirkten in jeder Phase gefährlicher, obwohl sie laut Statistik weniger Ballbesitz hatten. Besonders auffällig: der 18-jährige Didier Lessard, der nach seiner Einwechslung auf rechts zwar Gelb sah, aber mit frecher Körpersprache und mutigen Läufen zeigte, dass die Zukunft in Quebec hellblau strahlt. "Er hat Feuer im Blut", lobte Kapitän Krieger. "Manchmal zu viel, aber das kriegen wir raus." Am Ende stand ein 4:0, das in seiner Deutlichkeit fast schmeichelhaft für die Gäste war. Die Blues hätten locker sechs oder sieben Tore machen können, wenn sie nicht zuweilen Mitleid mit Nicksay im Tor gehabt hätten. Fazit: Die Quebec Blues tanzen weiter auf der Erfolgswelle, während White Rock United dringend eine Landkarte braucht, um den Weg aus der Krise zu finden. Oder wenigstens ein Navi, das ihnen "Mut zum Zweikampf" ansagt. Trainer Lindemann brachte es zum Schluss auf den Punkt: "Wir haben heute nicht perfekt gespielt. Aber wenn Perfektion so aussieht, kann ich damit leben." Und irgendwo im eiskalten Quebec summten die Fans beim Heimweg zufrieden - wahrscheinlich den Blues, aber diesmal klang er süß. 15.07.643990 08:02 |
Sprücheklopfer
Es ist wichtig, dass man neunzig Minuten mit voller Konzentration an das nächste Spiel denkt.
Lothar Matthäus