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Es war ein frostiger Januarabend in Potsdam, doch auf dem Rasen des Karl-Liebknecht-Stadions glühte der Ball - zumindest, wenn ihn ein Schleswig-Spieler berührte. 3100 Zuschauer waren gekommen, um ihre Kickers zu sehen, doch sie bekamen vor allem eines geboten: eine Lehrstunde in jugendlicher Unbekümmertheit. Der VFR Schleswig, eine Truppe, deren Durchschnittsalter kaum das von Studenten in der Mensa übersteigt, gewann verdient mit 2:0 (1:0). Schon nach wenigen Minuten war klar, wer hier das Kommando führen würde. Schleswig begann offensiv, druckvoll, beinahe übermütig. Bereits in der ersten Minute prüfte Mittelfeldmotor Carl Weller den Potsdamer Keeper Noah Franke mit einem kernigen Schuss. Der hatte offenbar noch die Handschuhe falsch herum an, denn der Ball flutschte ihm gefährlich nah an die Linie. Von diesem Moment an war klar: Hier kommt Arbeit auf ihn zu. Und Arbeit bekam er reichlich. 24 Torschüsse gaben die Schleswiger insgesamt ab - Franke wurde zum einsamen Helden in einer Abwehr, die mehr Löcher hatte als ein alter Trainingsball. Potsdam brachte es auf exakt einen Schuss aufs Tor. "Einen!", rief ein genervter Fan zur Halbzeit, "und der war aus Versehen!" In der 18. Minute fiel dann das logische 0:1. Der 18-jährige Bryan Loens, der aussieht, als würde er sonst auf dem Pausenhof Kreide holen, vollendete eiskalt nach Vorarbeit von Ingolf Asmussen. Ein Pass durch die Schnittstelle, ein kurzer Haken, ein flacher Schuss ins lange Eck - und plötzlich war es still in Potsdam. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Loens nach dem Spiel, "aber der Ball war wohl anderer Meinung." Die Kickers wirkten konsterniert, ihr Trainer - der sich nach dem Spiel nur mit einem knappen "Kein Kommentar" äußern wollte - stand bereits Mitte der ersten Halbzeit mit verschränkten Armen an der Seitenlinie und sah aus, als überlege er, ob er seinen Beruf noch liebt. Schleswig dagegen spielte weiter munter nach vorne. Herrero, Beaumanoir, Asmussen - sie schossen aus allen Lagen. Wenn es einen Wettbewerb für Zielwasserverbrauch gäbe, hätte Schleswig ihn gewonnen. Kurz vor der Pause dann der einzige Lichtblick für Potsdam: Wolfgang Steffen, 33 Jahre alt und dienstältester Mittelfeldspieler, fasste sich in der 32. Minute ein Herz und zog aus 20 Metern ab. Der Ball kam tatsächlich aufs Tor, ein Raunen ging durchs Stadion - dann landete das Leder sicher in den Armen von Mikael Mattson, Schleswigs Keeper. Der lächelte und rief seinem Gegenspieler zu: "Schöner Versuch, Opa!" In der zweiten Halbzeit änderte sich wenig. Schleswig blieb offensiv, Potsdam blieb ratlos. Als in der 79. Minute Njazi Sauso verletzt vom Platz musste, kam Antonio Garcia - ein Wechsel, der sich später als goldrichtig erweisen sollte. Garcia bereitete in der Nachspielzeit das 0:2 vor: Ein Sprint die linke Außenbahn hinunter, ein kluger Pass in den Rücken der Abwehr - und Fabian Beaumanoir, ebenfalls 18, drückte den Ball über die Linie. Das war die endgültige Entscheidung. Beaumanoir sah kurz darauf noch Gelb, offenbar weil er seine Freude etwas zu ausgiebig zeigte. "Ich wollte nur tanzen", erklärte er später mit einem Unschuldsblick, "aber in Schleswig tanzen wir wohl zu wild." Bei den Potsdamern gab es dagegen nur Gelb vor Wut: Dennis Sonnenschein holte sich in der 88. Minute die Verwarnung ab, sinnbildlich für Frust und Fassungslosigkeit. Der Ballbesitz von 47 Prozent war reine Statistik, denn echte Kontrolle hatten die Kickers nie. Schleswig war in jeder Hinsicht überlegen - laufstärker, wacher, frecher. "Das war Männerfußball", sagte Schleswigs Coach, der sich selbstironisch "Der Küstenschutzverein" nennt. "Na gut, Jungsfußball mit erstaunlich viel Mut." Im Publikum hörte man beim Abpfiff nur noch vereinzelte Pfiffe, aber auch anerkennendes Klatschen. Die Kickers-Fans wissen: So jung, so frech, so effektiv - gegen diese Schleswig-Boys darf man verlieren. Zum Schluss blieb Potsdams Torhüter Noah Franke der einzige, der Applaus bekam. "Ich hab versucht, das Ergebnis einstellig zu halten", meinte er trocken. Mission erfüllt. Und so ging ein Abend zu Ende, an dem Schleswig bewies, dass man auch ohne Erfahrung, aber mit jugendlichem Übermut, die Großen ärgern kann. Die Potsdamer Kickers hingegen werden sich fragen müssen, ob sie in der Verbandsliga K künftig mehr als nur Statistenrollen spielen wollen. Vielleicht hilft ja ein Schuss mehr Mut - oder überhaupt ein Schuss. 18.03.643987 02:07 |
Sprücheklopfer
Wir wollen uns von Spiel zu Spiel konzentrieren und die Tordifferenz verringern.
Christoph Daum