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Ein lauer Abend in Tampico, 20 Uhr Ortszeit, 36.000 Zuschauer, und die Heimfans waren noch voller Hoffnung, als der Schiedsrichter den 13. Spieltag der 1. Liga Mexico anpfiff. Neunzig Minuten später verließen sie das Stadion mit hängenden Köpfen - ihr CA Tampico war von Deportivo Pachuca regelrecht seziert worden. 0:4 hieß es am Ende, und das Ergebnis war so deutlich, wie es klingt. Dabei fing alles gar nicht so schlecht an. In der zehnten Minute prüfte Adriano Prieto mit einem strammen Schuss den jungen Keeper Aitor Goncalves, der die Kugel allerdings souverän aus dem Winkel fischte. "Da dachte ich noch, es läuft", seufzte Tampicos Trainer später in der Pressekonferenz - ein Satz, der wohl in die Vereinschronik eingehen könnte. Denn danach lief nichts mehr. Pachuca übernahm das Kommando, und zwar mit chirurgischer Präzision. Emilio Vidigal, der rechte Wirbelwind, feuerte aus allen Lagen. Der Ballbesitz lag mit 53 Prozent nur leicht auf Gästeseite, doch die 15 Torschüsse gegenüber mageren fünf der Gastgeber erzählten die eigentliche Geschichte. Tampico stand hinten wie eine offene Scheunentür - und Pachuca kam mit einem ganzen Trupp Landwirte. In der 35. Minute eröffnete Markos Kalogeropoulos den Torreigen. Ein zentraler Mittelfeldmann, der so ruhig wirkte, als spiele er Schach statt Fußball. Nach feinem Zuspiel von Oscar Ximenes zog er trocken ab: 0:1. Nur vier Minuten später revanchierte sich Ximenes selbst und traf zum 0:2. Und weil es so schön war, legte Bruno Ouellet, eigentlich Innenverteidiger, in der 40. Minute das 0:3 nach - nach einer butterweichen Flanke von Vidigal. "Wir haben das Spiel verstanden - sie nicht", grinste Pachuca-Coach Bernd Franke nachher, und man konnte ihm den Spaß anmerken. Seine Elf agierte mit einer fast unverschämten Leichtigkeit. Kein wildes Pressing, kein überdrehtes Anrennen - einfach gutes, zentriertes Kombinationsspiel, die Ruhe eines Teams, das weiß, dass es besser ist. Tampico dagegen wirkte, als hätte man ihnen die Gebrauchsanweisung für den Ball in kyrillischer Schrift ausgehändigt. Zwar versuchten Prieto, Moutinho und Godino immer wieder, das Leder nach vorn zu treiben, doch meist endete der Angriff in den Beinen von Bruno Ouellet, der hinten so souverän aufräumte, als wäre er Haushälter in einer Porzellanmanufaktur. Nach der Pause hofften die Heimfans auf ein Wunder, doch das Drehbuch blieb dasselbe. Pachuca kombinierte, Tampico rannte hinterher. In der 60. Minute setzte der 18-jährige Mario Mendes den Schlusspunkt. Nach Vorlage - natürlich - von Vidigal schlenzte er den Ball ins lange Eck. Ein Teenager, der aussah, als käme er direkt aus der Schulbibliothek, aber spielte, als hätte er schon 200 Profi-Partien auf dem Konto. "Ich hab einfach geschossen", sagte Mendes bescheiden, "und gehofft, dass keiner meckert." Meckern tat niemand - höchstens die Fans von Tampico, leise und resigniert. Ab da war das Spiel nur noch Schaulaufen. Tampico versuchte es noch einmal in der 78. Minute, als Ingo Coluna aus der zweiten Reihe abzog - doch Goncalves lenkte den Ball glänzend über die Latte. Der Torwart hob kurz die Hand zum Dank an die Tribüne, als wolle er sagen: "Bleibt ruhig sitzen, ich hab’s im Griff." Statistisch gesehen war das Spiel fast ausgeglichen, wenn man großzügig ist: 46 Prozent Ballbesitz, 45 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Tampico. Doch die Zahlen kaschieren nicht, was jeder im Stadion sah: ein Klassenunterschied, der weh tat. Nach dem Schlusspfiff klatschten die Pachuca-Spieler sich lachend ab. Trainer Franke umarmte seinen Youngster Mendes und sagte laut genug für alle Journalisten: "Ich wusste, dass er irgendwann trifft. Nur nicht, dass es so früh in seiner Karriere passiert." Und Tampico? Trainer und Spieler schlichen wortlos vom Platz. Nur Kapitän Luís Moutinho blieb kurz stehen, blickte zu den Fans und murmelte: "Das war heute Fußball - nur leider nicht von uns." Ein bitterer Abend also für CA Tampico, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Wie kann man so harmlos auftreten, wenn man zu Hause spielt? Vielleicht war’s die Nervosität, vielleicht schlicht die Übermacht eines glänzend aufgelegten Gegners. Eines ist jedenfalls sicher: Deportivo Pachuca hat an diesem Abend gezeigt, warum sie zur Ligaspitze gehören. Und Tampico? Die müssen wohl nächste Woche erst mal üben, wie man wieder lächelt, wenn man einen Ball sieht. Vielleicht gelingt es ja - spätestens, wenn der nächste Gegner nicht Pachuca heißt. 18.06.643987 21:03 |
Sprücheklopfer
Bei diesem Schiedsrichter hätte auch unser Busfahrer eine gelbe Karte bekommen.
Rainer Calmund