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Es gibt Fußballspiele, die enden, bevor sie richtig begonnen haben. Und dann gibt es dieses Spiel: Deportivo Pachuca gegen UD Lanús, Gruppenrunde, dritter Spieltag der Copa Libertadores. Anstoß um 18:30 Uhr, 59.000 Zuschauer im Estadio Hidalgo - und schon in der ersten Minute jubelte das Stadion, als würde gerade das Finale entschieden. Duarte Ramallo, der linke Flügelstürmer mit dem verschmitzten Lächeln, hatte den Ball - und Lanús hatte ein Problem. Nach 60 Sekunden stand es 1:0, Vorlage Adriano Almeida. "Ich wollte eigentlich nur flanken", grinste Ramallo später, "aber der Ball hat sich entschieden, ein besseres Schicksal zu wählen." Was folgte, war ein Fußball-Lehrstück - oder, aus Sicht der Gäste, ein Horrorfilm mit südamerikanischem Soundtrack. Pachuca spielte wie im Rausch, Lanús wie auf Valium. Nach 14 Minuten erhöhte Franck Wyler auf 2:0, nach feiner Vorarbeit von Bruno Beaupré. Wyler, 32, erfahrener Rechtsaußen, schien plötzlich zehn Jahre jünger - sprintete, trickste, traf. Acht Minuten später wieder Wyler: 3:0. Lanús-Trainer Ralf Reiner stand da, die Arme verschränkt, die Augen auf den Boden gerichtet, als wolle er dort ein Loch graben, um darin zu verschwinden. "Wir haben uns bemüht, aber manchmal ist der Gegner einfach in einem anderen Universum", seufzte Reiner nach dem Spiel. In der 27. Minute dann das 4:0 - erneut Ramallo, diesmal nach einem präzisen Zuspiel von Rechtsverteidiger Isidoro Simao. Halbzeit. 4:0. Die Fans sangen, der Stadionsprecher hatte Mühe, mitzukommen, und Trainer Bernd Franke saß auf der Bank, als hätte er gerade das Fußballrad neu erfunden. "Ich hab den Jungs nur gesagt: Spielt einfach. Offenbar war das die richtige Anweisung", sagte Franke trocken. Lanús kam mit offensiver Ausrichtung aus der Kabine - und tatsächlich: ein Lebenszeichen. In der 46. Minute traf Sascha Rau nach Vorlage von Vitor Velez zum 4:1. Ein hübsches Tor, ein Trostpflaster. Doch Pachuca antwortete, als wäre das eine persönliche Beleidigung. In der 59. Minute netzte Ramallo erneut ein, diesmals nach Vorlage von Salvador Alvaro. Kaum drei Minuten später, in der 62., wieder Ramallo - wieder Tor, Vorlage diesmal von Almeida. Und als ob’s nicht genug wäre: In der 63. Minute machte Ramallo das halbe Dutzend voll, sein viertes Tor des Abends. "Ich dachte, ich träume", gab Wyler später lachend zu. "Bei jedem Pass auf Duarte hab ich schon angefangen, zu jubeln." 7:1. Ein Ergebnis, das selbst in der Copa Libertadores Seltenheitswert hat. Lanús, das mit 11 Torschüssen und 45 Prozent Ballbesitz zumindest die Statistik hübsch aussehen ließ, konnte den Sturm der Pachuca-Offensive nie wirklich bremsen. Bruno Ouellet sah in der 20. Minute Gelb, Franck Wyler musste nach einer Verletzung in der 58. Minute raus - Laurent Peltier kam, jung, unerschrocken, und passte sich nahtlos ein. "Wenn du 7:1 gewinnst, ist das keine Taktikfrage", sagte Trainer Franke mit einem Schmunzeln. "Das ist einfach Spielfreude - und vielleicht ein bisschen Mitleidlosigkeit." Auf der Pressekonferenz zeigte sich Reiner versöhnlich: "Wir haben offensiv gespielt, aber Pachuca war in jedem Zweikampf schneller, in jedem Pass klarer. Vielleicht hätten wir defensiv denken sollen - aber wer will das hören, wenn man in Südamerika Fußball spielt?" Die Zahlen untermauern das Spektakel: 16 Torschüsse von Pachuca, 11 von Lanús, 54,7 Prozent Ballbesitz für die Gastgeber. Doch Statistik erzählt nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte war pure Leidenschaft, Tempo, und ein Stürmer, der an diesem Abend einfach alles traf. Als der Schiedsrichter abpfiff, standen die Fans längst auf den Sitzen. Ramallo wurde gefeiert, als hätte er den Pokal schon geholt. Er selbst blieb bescheiden: "Ich wollte nur Spaß haben. Dass sieben Tore gefallen sind, war halt… Zufall." Ein Zufall, über den in Pachuca noch lange gesprochen wird. Schlusswort? Vielleicht dieses: Wenn Fußball Poesie ist, dann war das hier ein Gedicht in Großbuchstaben - verfasst von Duarte Ramallo, rezitiert von 59.000 begeisterten Kehlen. Lanús hingegen wird dieses Kapitel wohl lieber überspringen, wenn es die Vereinschronik schreibt. 14.05.643987 16:40 |
Sprücheklopfer
Wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt.
Rolf Rüssmann