// Startseite
| Athlitiki Icho |
| +++ Sportzeitung für Griechenland +++ |
|
|
|
Es war einer dieser milden Frühjahrsabende auf Kreta, an denen die Zikaden leiser zirpen, weil selbst sie wissen: Heute wird’s laut. 36.648 Zuschauer füllten das Stadion, als OFE Kreta im Rahmen des 11. Spieltags der 1. Liga Griechenland AU Larissa empfing - und ihnen wurde ein Spektakel geboten, das irgendwo zwischen Lehrstunde und Lachnummer einzuordnen war. Am Ende stand ein 6:0 (4:0), das so klar ausfiel, dass selbst der Linienrichter irgendwann mitleidig auf die Uhr blickte. Schon nach sechs Minuten begann das Unheil für die Gäste: Ktesias Salpingidis, der Kapitän mit der Ruhe eines Archäologen und der Schärfe eines Dolches, traf nach Vorarbeit des jungen Dimas Oliveira. "Ich dachte, ich probier’s einfach mal - wenn’s daneben geht, hab ich wenigstens den Ball hübsch getroffen", grinste Salpingidis später in der Mixed Zone. Vier Minuten später durfte der 19-jährige Sami Khedira (nein, nicht der, aber mit ähnlich deutscher Gründlichkeit) seinen ersten Ligatreffer feiern - Vorlage wieder Salpingidis. Und als Oliveira in der 12. Minute selbst traf, diesmal nach Pass des Innenverteidigers Armandos Nikoloudis (!), war das Spiel praktisch entschieden. Trainer Jeff Johnson stand an der Seitenlinie, die Hände in die Hüften gestemmt, und rief seinem Team zu: "Leute, es ist erst zwölfte Minute, lasst ein paar Tore für Sonntag übrig!" Larissa hingegen wirkte wie auf einer Klassenfahrt, bei der niemand wusste, wer eigentlich die Aufsicht hat. Nur ein einziger Torschuss auf das Kretische Tor - in der 58. Minute - darf als Beleg dafür gelten, dass sie nicht völlig unsichtbar waren. Torwart Kian Boutin musste so wenig eingreifen, dass er sich in der Halbzeit auswechseln ließ - "um auch mal die Bank zu genießen", wie er lachend erklärte. Sein Ersatz, Marios Ioannou, blieb ebenfalls beschäftigungslos. Kurz vor der Pause setzte Felipe Jemez mit dem 4:0 den Deckel auf eine erste Halbzeit, die Larissas Trainer Bernard Dietz später als "pädagogisch wertvoll" bezeichnete. "Meine Jungs haben heute gelernt, wie man den Ball nicht verliert - indem man ihn gar nicht erst hat." Tatsächlich zeigte die Statistik 57,8 Prozent Ballbesitz für Kreta, was sich in der Realität eher wie 80 anfühlte. Nach dem Seitenwechsel ließ Kreta es zunächst ruhiger angehen. Oliveira, bereits verwarnt, durfte in der Kabine bleiben. Für ihn kam Duarte Caneira, der prompt in der 61. Minute den nächsten Treffer vorbereitete: Vyron Stephanopoulos schloss eiskalt ab - 5:0. Der junge Rechtsaußen rannte danach jubelnd zu Trainer Johnson und rief: "Ich hab’s dir gesagt, Coach - Flügelspiel funktioniert auch ohne Flügel!" Das 6:0 in der 74. Minute war dann wieder ein Fall für die Kategorie "ästhetisch wertvoll": Jemez vollendete nach Pass von Salpingidis, der damit an drei Treffern direkt beteiligt war. Auf der Tribüne stand ein Fan mit einem handgemalten Schild: "Ktesias for Parliament!" - man hätte es ihm in diesem Moment geglaubt. In der Schlussphase spielte Kreta weiter mit Lust und Laune, während Larissa nur noch darauf bedacht war, ohne zweistellige Pleite davonzukommen. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", meinte Larissas junger Keeper Sergi Ziganda, "aber ich glaube, ich hab mehr Bälle aus dem Netz geholt als in der gesamten Vorsaison." Statistisch war alles so einseitig, dass selbst der Computer im Presseraum kurz hängen blieb: 19 Torschüsse für Kreta, einer für Larissa. Tackling-Quote 59 zu 41 Prozent. Pressing? Kreta spielte "offensiv mit Spaß", Larissa eher "balanciert mit Hoffnung". Nach dem Spiel fasste Jeff Johnson das Geschehen trocken zusammen: "Ich bin zufrieden. Nicht wegen des Ergebnisses - sondern weil Felipe diesmal nicht versucht hat, mit der Eckfahne zu jonglieren." Sein Gegenüber Dietz hingegen war um Fassung bemüht: "Wir haben einen Plan - wir müssen nur noch herausfinden, welchen." Das Publikum verabschiedete die Mannschaft von Kreta mit stehenden Ovationen. Manch einer blieb noch auf den Rängen, um die Wellen des Meeres in der Ferne zu hören - oder vielleicht einfach, um zu begreifen, was sie da gerade gesehen hatten. Ein 6:0, das in seiner Leichtigkeit fast unverschämt wirkte. OFE Kreta spielte Fußball wie aus einem Guss, Larissa blieb nur die Rolle des Statisten. Und während die Sonne über dem Mittelmeer versank, nahm man auf Kreta schon den nächsten Gegner ins Visier - mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Selbstvertrauen und Urlaubslaune lag. Oder, wie es Torschütze Jemez beim Rausgehen formulierte: "Wenn Fußball immer so wäre, müsste man Eintritt zahlen, um selbst mitzuspielen." 07.03.643994 06:19 |
Sprücheklopfer
Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll