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Manchmal ist ein 0:0 spannender, als es aussieht. So geschehen am Freitagabend im Bremer Weserstadion, wo der SV Bremen und der Karlsruher SV zwar keine Tore, dafür aber jede Menge Torschüsse, Gesten der Verzweiflung und ironische Selbstgespräche boten. 12.500 Zuschauer sahen ein Spiel, das man wohlwollend als "ausgeglichen" bezeichnen kann - oder ehrlicher: als kollektive Zielübungsstunde mit mäßigem Erfolg. Beide Teams kamen mit derselben taktischen Grundeinstellung aufs Feld: "ausgewogen" - und das in wirklich jeder Hinsicht. Ballbesitz? 49,7 zu 50,3 Prozent. Torschüsse? 9 zu 9. Torchancen? Sagen wir, sie waren vorhanden, wenn auch nur in der Theorie. Trainer Jack Schlakowski vom SV Bremen kommentierte nach dem Abpfiff mit trockenem Humor: "Wir wollten das Spiel kontrollieren - und das haben wir geschafft. Leider auch den Gegner." Schon in der elften Minute prüfte Karlsruhes Lewis Caviness mit einem wuchtigen Linksschuss das Fangnetz hinter dem Tor, das kurz darauf wohl mehr Aufmerksamkeit bekam als der Bremer Keeper Mark Engel. Sechs Minuten später antwortete Roberto Verdasco, Bremens umtriebiger Mittelfeldmotor, mit einem satten Versuch aus 20 Metern - direkt in die Arme von Marvin Seidel, dem 19-jährigen Karlsruher Torwart, der danach in die Kamera grinste: "Ich hatte schon Angst, dass das Ding flattert. Tat es aber nicht. Zum Glück." In der 24. Minute stand das Stadion kurz auf - der 17-jährige Kay Buchholz, Bremens Nachwuchshoffnung, zog beherzt ab. Der Ball rauschte knapp über die Latte, und die Fans raunten kollektiv. "Wenn der reingeht, reden wir heute anders über das Spiel", sagte Buchholz nachher mit einem Grinsen, das seine Unerfahrenheit nur noch sympathischer machte. Dann wieder Karlsruhe: Caviness, Alvarez, Castro - Namen, die regelmäßig auf der Anzeigetafel auftauchten, aber nie neben einer "1". Besonders Pedro Alvarez, der flinke Rechtsaußen, versuchte es gleich mehrfach (46., 58., 68. und 85. Minute), aber entweder fehlten ihm Zentimeter oder der Bremer Keeper hatte gerade einen seiner seltenen Glanzmomente. In der 41. Minute kam es zur wohl kuriosesten Szene des Abends: Daniel Morriss, Bremens rechter Mittelfeldspieler, wollte eine Flanke schlagen, traf den Ball jedoch so seltsam, dass er fast im langen Eck landete. Schlakowski schlug die Hände über dem Kopf zusammen, während Morriss später lachend erklärte: "Ich sage einfach, das war Absicht." Nach der Pause änderte sich wenig, außer dass beide Trainer etwas lauter wurden. Karlsruhe-Coach - dessen Name der Statistik zum Trotz dem Protokoll entglitt - brüllte seine Jungs nach vorn, während Schlakowski vom Seitenrand aus immer wieder "Ruhig, ruhig!" rief, was sein Team offenbar als Einladung zu weiteren Fehlpässen verstand. Bremens Innenverteidiger Jacques Letourneur hätte in der 91. Minute beinahe zum Helden des Abends werden können, als er nach einer Ecke den Ball volley nahm - ein satter Schuss, aber direkt in die Arme von Seidel. "Ich dachte, das Netz zappelt", meinte Letourneur leicht frustriert. Doch stattdessen zappelte eher seine Frisur im kalten Wind. Einziger Farbtupfer in diesem Grau-in-Grau war die Gelbe Karte für Bremens Linksverteidiger Hartmut Wild in der 56. Minute, der nach einem rustikalen Einsteigen gegen Alvarez die Arme hob und dem Schiedsrichter erklärte, er habe "nur den Ball gesehen". Der Unparteiische antwortete trocken: "Dann gehen Sie mal zum Optiker." Beide Teams spielten taktisch diszipliniert, fast stoisch. Keine wilden Pressingphasen, kein erkennbares Risiko - die "balanced"-Philosophie wurde bis zur letzten Sekunde konsequent durchgezogen. "Wir wollten clever spielen", sagte Karlsruhes Flügelflitzer Jannick Schiller nach dem Abpfiff. "Hat auch geklappt - clever genug, um kein Tor zu schießen." Am Ende stand also ein 0:0, das niemanden so richtig glücklich machte, aber immerhin niemanden verletzte. Bremen bleibt damit im Mittelfeld der Tabelle stecken, Karlsruhe hält den Anschluss an die obere Hälfte - zumindest moralisch. "Ein Punkt ist ein Punkt", bilanzierte Trainer Schlakowski, während er den Mantel zuknöpfte. "Manchmal ist Fußball eben wie ein Blind Date: viel Erwartung, wenig Ertrag." Und vielleicht war das die ehrlichste Analyse des Abends. Denn wer 90 Minuten lang alles gibt und trotzdem nichts Zählbares mitnimmt, der weiß: Auch ein torloses Remis kann seine Geschichten schreiben - wenn auch keine, die man seinen Enkeln erzählt. 23.04.643990 13:06 |
Sprücheklopfer
Wir sind zu stark um da unten wieder rauszukommen.
Klaus Toppmöller