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Manchmal ist ein 0:0 mehr als ein Ergebnis - manchmal ist es eine Charakterstudie in Geduld, Verzweiflung und gepflegtem Chaos. Am 3. Spieltag der 1. Liga Griechenlands lieferten sich OFE Kreta und Ergotelsis ein solches Spektakel: kein Tor, dafür reichlich Emotionen, Karten und ein Platzverweis, der selbst die sonst so stoische Trainerbank erzittern ließ. Vor 33.022 Zuschauern im stimmungsvollen Stadion von Heraklion begann Kreta, als wolle man die Tabellenführung im Alleingang herausschießen. Kaum war der Anpfiff verklungen, prüfte Guillermo Yanez schon in der ersten Minute die Reflexe des Ergotelsis-Keepers Leandros Seitaridis - ein Schuss, der mehr Staub als Gefahr aufwirbelte, aber immerhin ein Statement war. Trainer Jeff Johnson kommentierte später trocken: "Wir wollten früh zeigen, dass wir da sind. Leider haben wir dann vergessen, wo genau ’da’ eigentlich ist." Ergotelsis brauchte rund zehn Minuten, um sich zu sortieren, dann aber meldete sich Timon Galakos - der flinke Rechtsaußen mit der Energie eines Espresso-Doppels - mit gleich drei Abschlüssen in der ersten halben Stunde. Alle blieben ungefährlich, aber die Botschaft war deutlich: Auch die Gäste wollten nicht nur verteidigen. Das Spiel wogte hin und her, Kreta mit minimalem Ballbesitzvorteil (50,6 Prozent), Ergotelsis mit dem etwas strukturierteren Passspiel. Doch wer erwartet hatte, dass diese Balance irgendwann kippen würde, wartete vergeblich. Stattdessen sammelten beide Teams fleißig Gelbe Karten wie Bonuspunkte: Markos Kirastas sah in der 30. Minute Gelb, und wenig später tat es ihm Ergotelsis-Verteidiger Karolos Ioannidis gleich. Die Schiedsrichterpfeife war an diesem Abend fast so präsent wie der Ball. Kurz vor der Pause dann der erste größere Aufreger: Kretas Innenverteidiger Bruno Sterling musste nach einem Zusammenprall behandelt werden, blieb aber zunächst drauf. Nach der Pause wechselte Johnson gleich dreifach - neuer Torwart Marios Ioannou, Verteidiger Theagenis Lekkas und Bruno Sterling als frische (oder zumindest jüngere) Variante in der Abwehr. "Wir wollten Stabilität reinbringen", erklärte Johnson später mit einem Lächeln, das eher nach Durchhalteparole aussah. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste geendet hatte: mit Chancen, die keine waren. Dimas Oliveira, gerade einmal 19, rannte, dribbelte, schoss - und traf konsequent das Fangnetz. "Ich übe das noch", grinste er nach dem Spiel. Ab der 52. Minute wurde es ruppiger. Sterling, eben erst eingewechselt, holte sich prompt Gelb, und als er in der 69. Minute nach einem taktischen Foul Gelb-Rot sah, verlor Kreta endgültig die Kontrolle über das Spiel - und den Humor. "Er hat den Gegner nicht gesehen", verteidigte Johnson seinen Spieler, "nur die Sonne stand ungünstig." Die Sonne war da schon lange untergegangen. Ergotelsis witterte seine Chance, drückte nach vorn, aber weder Galakos noch der aufgerückte Linksverteidiger Timon Goumas (mit einem beherzten Schuss in der 82. Minute) konnten Ioannou überwinden, der in seinem Liga-Debüt eine erstaunlich ruhige Figur abgab. Kreta kämpfte sich mit zehn Mann durch die Schlussphase, Ktesias Salpingidis kassierte noch Gelb für ein taktisches Foul und brüllte anschließend den Himmel an - möglicherweise aus Frust, möglicherweise aus theatralischer Übung. Als der Schlusspfiff ertönte, war das 0:0 längst keine Überraschung mehr, sondern die logische Konsequenz zweier Mannschaften, die sich gegenseitig neutralisierten. Elf Abschlüsse von Kreta, acht von Ergotelsis - statistisch ein Duell auf Augenhöhe, emotional ein Wechselbad zwischen Hoffnung und Verzweiflung. "Wir hätten heute bis Mitternacht spielen können, und es wäre trotzdem 0:0 ausgegangen", seufzte Ergotelsis-Stürmer Galakos nach dem Spiel. Trainer Johnson nahm es mit Galgenhumor: "Manche nennen es ein taktisches Duell, ich nenne es eine Lektion in Zen." Und so trennten sich beide Teams ohne Tore, aber nicht ohne Geschichten. OFE Kreta bleibt ungeschlagen, Ergotelsis unbeeindruckt - und die Zuschauer, die für 90 Minuten Fußball kamen, bekamen stattdessen 90 Minuten Drama mit Ball. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Kein Tor, aber wenigstens Sonne, Bier und Gelbe Karten. Was will man mehr?" Vielleicht nächste Woche dann Tore. Vielleicht. 14.12.643993 21:02 |
Sprücheklopfer
Ich sehe einen positiven Trend: Tiefer kann es nicht mehr gehen.
Olaf Thon