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Ein torloses Remis kann manchmal lauter knallen als ein 5:4 - vor allem, wenn 56.216 Fans im Kingston National Stadium kollektiv die Luft anhalten, weil ihre Helden alles probieren, nur eben nicht das Tor treffen. Die Kingston Boys und Bull Bay trennten sich am 12. Spieltag der 1. Liga Jamaica mit einem 0:0, das gleichzeitig unterhaltsam, nervenaufreibend und ein bisschen tragikomisch war. Von der ersten Minute an machten die Boys klar, dass sie hier keine Zuschauerrolle einnehmen wollten. Frederic Balzac, der 22-jährige Mittelstürmer mit dem Selbstbewusstsein eines erfahrenen Torjägers, prüfte Bull-Bay-Keeper Andrew Gayheart bereits nach drei Minuten. Der Ball zischte knapp am Pfosten vorbei - ein Vorgeschmack auf das, was folgen sollte. Insgesamt 21 Torschüsse feuerten die Kingston Boys ab, doch Gayheart wurde zum unüberwindbaren Helden des Abends. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", grinste Gayheart nach dem Spiel, die Handschuhe noch voller Rasen. "Aber ich dachte mir: Wenn sie weiter auf mich schießen, kann ich wenigstens zeigen, wofür ich hier bin." Während Kingston anrannte, versuchte Bull Bay, die Ruhe zu bewahren. Trainer Sports Mann - nomen est omen - stand stoisch an der Seitenlinie, nur gelegentlich die Sonnenbrille zurechtrückend, obwohl längst Nacht war. "Wir wussten, dass sie kommen würden wie ein tropischer Sturm", erklärte er später. "Also haben wir einfach die Fenster verriegelt." Sein Plan ging auf: Eine dichte Fünferkette, aggressives Stellungsspiel und ein bisschen Glück hielten die Null. Zwar sah Innenverteidiger Julian Kaufmann schon in der 13. Minute Gelb, doch seine rustikale Art schien seine Mitspieler eher zu inspirieren. "Julian hat uns wachgerüttelt", sagte Kapitän Felix Afzelius. "Nach seiner Grätsche wussten wir: Heute gibt’s keinen Schönheitspreis, nur Punkte." Kingston-Coach Mahatma Haathi hingegen sah das anders. Mit verschränkten Armen und leichtem Kopfschütteln kommentierte er jede vergebene Chance. "Wir haben den Ballbesitz, wir haben den Plan, wir haben die Schüsse - aber offenbar kein Glück", seufzte er nach Abpfiff. 56 Prozent Ballbesitz und eine Zweikampfquote von knapp 55 Prozent belegen, dass seine Mannschaft das Geschehen diktierte. Nur das Ergebnis wollte sich nicht beugen. Besonders Balzac, der mit acht Abschlüssen allein ein eigenes Highlight-Reel füllte, verzweifelte mehrfach am glänzend aufgelegten Gayheart. In der 78. Minute rauschte einer seiner Schüsse so knapp vorbei, dass selbst der Stadionsprecher kurz "Tor für…" ansetzte, bevor er das Mikro wieder sinken ließ. "Ich schwöre, der Ball wollte einfach nicht rein", murmelte Balzac nach dem Spiel und fügte mit einem schiefen Lächeln hinzu: "Vielleicht war’s ein Zeichen - morgen geh ich Lotto spielen." Bull Bay kam derweil nur sporadisch nach vorn. Joao del Rio und Hugo Manu sorgten mit vereinzelten Kontern für Entlastung, doch Kingston-Keeper Harry Poe blieb weitgehend beschäftigungslos. Nur in der 90. Minute, als Manu plötzlich frei durch war, hielt das Stadion kurz den Atem an - bis Poe mit ausgestrecktem Bein klärte. "Das war wichtig fürs Ego", witzelte Poe danach. "Sonst hätte ich mir fast Kaffee holen müssen, so selten war was los bei mir." Eine Schrecksekunde gab es dennoch: In der 78. Minute musste Bull Bays Otto Dahlstrom nach einem Zweikampf verletzt raus. Ersatzmann Moritz Jahn kam und fügte sich nahtlos in die Defensivschlacht ein. "Ich hab einfach gemacht, was Otto gemacht hat - nur mit weniger Schmerzen", sagte Jahn lachend. Taktisch blieb es ein Duell zwischen Angriffswut und Abwehrkunst. Die Kingston Boys spielten, wie es ihre offensive Ausrichtung versprach: viel Druck, viele Abschlüsse, wenig Ertrag. Bull Bay dagegen stellte sich hinten rein, kämpfte, kratzte, biss - und hatte am Ende das glücklichere Händchen. "Ein Punkt fühlt sich heute an wie drei", meinte Trainer Mann und verschwand mit einem zufriedenen Grinsen im Kabinengang. Mahatma Haathi dagegen blieb beim Abgang kurz stehen, blickte auf das leuchtende 0:0 auf der Anzeigetafel und murmelte: "Wenn’s nach uns gegangen wäre, stünde da 4:0. Aber Fußball ist manchmal wie ein Gedicht, das keiner versteht." Am Ende war es ein Abend voller Emotionen, verpasster Chancen und einer gehörigen Portion Ironie. Kingston spielte, als hinge der Himmel voller Tore - doch die Latte blieb leer. Bull Bay verteidigte, als ginge es ums Überleben - und überlebte. Vielleicht also doch ein gerechtes 0:0. Oder, wie ein Zuschauer beim Verlassen des Stadions sagte: "Ich hab keine Tore gesehen, aber wenigstens hab ich was erlebt." 04.10.643990 05:14 |
Sprücheklopfer
Wir hatten viele Verletzte, aber das soll den Sieg der Freiburger in keinster Weise schmeicheln.
Andreas Brehme