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Ein 0:0 kann langweilig sein - muss aber nicht. Das Duell zwischen Harbour View und Barbican FC am 7. Spieltag der 1. Liga Jamaica war dafür der beste Beweis. 40.000 Zuschauer im Harbour-Stadion sahen ein Spiel, das sich wie ein Actionfilm ohne Happy End anfühlte: viel Tempo, viele Chancen, aber kein einziger Treffer. Barbican FC, gecoacht vom stets gestenreichen Peter Heinze, feuerte aus allen Rohren. Ganze 19 Torschüsse zählte die Statistik. Und doch stand am Ende die gleiche Null wie bei Harbour View, das es mit bescheidenen drei Versuchen versuchte. Der Ballbesitz - 52 Prozent für Harbour View - täuschte, denn die gefährlicheren Szenen hatten eindeutig die Gäste. Schon nach drei Minuten gab’s die erste gelbe Karte für Barbicans jungen Flügel Connor Savard. "Ich wollte nur zeigen, dass wir da sind", grinste er später und reckte den Daumen hoch. Trainer Heinze brüllte währenddessen vom Spielfeldrand: "Connor! Wir wollten Druck, nicht Wrestling!" Das Publikum lachte - und Savard spielte danach immerhin wieder Fußball. In der fünften Minute ging’s dann richtig los: Olivier Bataillard prüfte Harbour-Keeper Duarte Ze Castro mit einem satten Linksschuss. Der Portugiese im Tor reagierte wie ein Mann, der schon zu viele solcher Abende erlebt hat - gelassen, routiniert, mit einem leichten Schulterzucken nach der Parade. Drei Minuten später versuchte es Didier Greaves, der 19-jährige Sturmtornado Barbicans, gleich doppelt (8. und 11. Minute). Beide Male rauschte der Ball knapp am Pfosten vorbei. "Ich dachte, einer von denen muss doch rein", stöhnte er nach dem Spiel. "Aber der Ball hatte heute wohl andere Pläne." Harbour View brauchte eine Viertelstunde, um selbst einmal gefährlich zu werden. Stephan Hein nahm Maß, schoss - und traf die Werbebande so präzise, dass sie wohl jetzt noch vibriert. "Ich wollte sie erschrecken, nicht treffen", witzelte Hein später in der Mixed Zone. Bis zur Pause blieb es beim torlosen, aber keineswegs ereignislosen Schlagabtausch. Barbican drängte, Harbour View verteidigte - und das mit teilweise rustikalem Körpereinsatz. "Die spielen nicht mit, die pflügen", schimpfte Barbicans Mittelfeldroutinier Nael Derlei, der selbst allerdings auch zweimal gefährlich abschloss (67. und 83. Minute). In der zweiten Hälfte wurde das Spiel noch einseitiger. Barbican schaltete um auf Dauerfeuer, Harbour View auf Schadensbegrenzung. 54., 55., 56. Minute - drei Chancen in Serie für die Gäste. Der junge Vincent Ohlsson (18) war mittendrin, bekam in der 66. Minute Gelb und kurz danach den Rat seines Trainers: "Vincent, du spielst, als hättest du zwei Herzen - aber bitte nicht beide gleichzeitig!" Dann kam die Schlussphase, und Barbican warf alles nach vorne. Heinze brachte frische Kräfte: Van Zandt, Chisholm und Gekas kamen zwischen der 76. und 78. Minute. Letzterer sorgte für zwei Schüsse in den letzten Minuten (85. und 89.), doch Ze Castro blieb unbezwingbar. Als Bataillard in der 95. Minute ein letztes Mal abzog, hielt der Keeper den Ball fest, schaute auf die Uhr und grinste - als wollte er sagen: "Vielleicht das nächste Mal." Harbour-Defensivmann Gustav Lindstrom fasste es trocken zusammen: "Manchmal verteidigst du 90 Minuten, manchmal betest du 90 Minuten - heute war’s beides." Er selbst sah Gelb in der 59. Minute, aber auch das brachte ihn nicht aus der Ruhe. Rechtsverteidiger Eugenio Papasidero kassierte später ebenfalls eine Verwarnung (77.), winkte aber ab: "Ich sammle die, wie andere Briefmarken." Trainer Heinze hingegen war nach Abpfiff hin- und hergerissen. "Wir haben alles versucht. Vielleicht hätten wir das Tor auch einfach mal fragen sollen, ob es uns heute was gönnt." Sein Gegenüber, Harbour-Coach - der Name blieb geheimnisvollerweise im Protokoll offen - wirkte zufrieden: "Ein Punkt ist ein Punkt. Und bei dem Druck von Barbican fühlt sich das fast wie ein Sieg an." Am Ende blieb der Rasen heil, das Netz unberührt und der Torjubel ungehört. Die Fans applaudierten trotzdem, wohlwissend, dass sie ein 0:0 gesehen hatten, das so gar nichts mit Langeweile zu tun hatte. Und irgendwo in Kingston wird gerade ein Ball auf einer Wiese liegen, der sich fragt, warum ihn heute bloß keiner richtig treffen konnte. 29.03.643987 11:50 |
Sprücheklopfer
Auch ein Franz Beckenbauer kann einmal den Spielern in den sogenannten Hintern treten.
Lothar Matthäus