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Es war ein frostiger Sonntagabend in Görlitz, aber auf dem Rasen des kleinen Stadions glühte die Luft - zumindest kurzzeitig. 5000 Zuschauer waren gekommen, um zu sehen, wie der heimische NFV Görlitz den favorisierten VfR Aalen empfängt. Dass es am Ende 1:2 (1:1) hieß, war weniger ein Drama als vielmehr eine Lehrstunde in Sachen Effizienz - und ein Abend, an dem die Schwaben zeigten, dass Ballbesitz manchmal doch etwas bringt. Die Aalener begannen, als hätten sie das Drehbuch für den Abend schon geschrieben. Schon in der 13. Minute klingelte es im Kasten von Görlitz: Der 21-jährige Elias Jaeger, flink wie ein Wiesel und mit einer Coolness, die man sonst nur bei Routiniers sieht, verwandelte eine Vorlage von Youngster Christoph Reuter zum 0:1. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Jaeger später, "und gehofft, dass der Torwart noch seine Handschuhe sucht." Görlitz’ Trainer Ben Winner stand da schon mit verschränkten Armen am Spielfeldrand und murmelte etwas, das wohl nichts für Kinderohren war. Seine Mannschaft hatte sich viel vorgenommen - offensiv, über die Flügel, mit Mut und Pressing. In der Theorie klang das großartig. In der Praxis hieß das vor allem: laufen, laufen, laufen. Denn Aalen ließ den Ball laufen, und Görlitz hinterher. Fast 60 Prozent Ballbesitz sprachen Bände. Doch kurz vor der Pause kam der Moment, der die Görlitzer Fans wieder hoffen ließ. In der 45. Minute zog der junge Norweger Age Kaurin aus der Distanz ab, nachdem Jens Barth ihm den Ball in den Fuß gelegt hatte - und plötzlich stand es 1:1. Das Stadion bebte. "Ich dachte, der Ball fliegt über die Oder", scherzte Kaurin später, "aber er ist wohl doch reingegangen." Mit diesem Treffer ging es in die Kabine - und dort muss Winner wohl die Worte gefunden haben, die in jeder Kreisliga-Legende vorkommen: "Jungs, die sind auch nur Menschen!" Nur schade, dass Aalen das offenbar nicht wusste. Kaum wieder auf dem Platz, traf Claude Balzac in der 48. Minute zum 1:2, nach einer feinen Hereingabe von Rene Gagne. Balzac, dessen Name klingt wie aus einem französischen Roman, feierte den Treffer mit ausgestreckten Armen, als wolle er sagen: "Seht her, Kunst kann auch Fußball sein." Danach wurde das Spiel zäher, härter - und kurioser. Görlitz wechselte munter durch: Witte raus, Barth rein; Capone runter, Kunze drauf; schließlich durfte sogar der 19-jährige Yannick Müller noch ein paar Minuten Regionalliga-Luft schnuppern. "Ich hab mich gefühlt wie in einem Videospiel, nur in echt", sagte er mit einem Grinsen. In der 63. Minute sah Aalens Verteidiger Luca Geier Gelb, nachdem er mehr Ball als Gegner traf - oder war es umgekehrt? Jedenfalls rief Gästetrainer Chris "Blackbeard" Blackbeard seinem Spieler zu: "Gut gemacht, Luca - aber nächstes Mal vielleicht den Ball treffen!" Der Coach mit dem Piratennamen war ansonsten erstaunlich gelassen. "Wir haben das Ding kontrolliert, ohne zu glänzen", analysierte er später trocken. "Manchmal reicht das." Görlitz bäumte sich noch einmal auf, kam durch Kaurin (56.) und Kunze (60.) zu Chancen, doch Torwart Lionel Baiao im Aalener Kasten hielt, was zu halten war. Als Kunze sich dann in der 66. Minute verletzte, war der letzte Elan dahin. Das Spiel trudelte aus, Aalen verwaltete den Vorsprung - und Görlitz kämpfte gegen die Uhr, gegen Müdigkeit und gegen die eigene Ungeduld. Am Ende standen sieben Torschüsse des NFV zehn von Aalen gegenüber, 40 zu 60 Prozent Ballbesitz - und eine bittere Erkenntnis: Einsatz allein gewinnt keine Punkte. "Wir haben alles gegeben, aber manchmal ist das eben nicht genug", seufzte Winner nach Abpfiff. "Vielleicht hätten wir auch mal den Ball laufen lassen sollen - statt nur den Gegner." Für Aalen war es ein verdienter, wenn auch glanzloser Sieg. Für Görlitz ein Abend, an dem man viel lernte - über Effizienz, Geduld und die Tücke des gegnerischen Strafraums. Und für die 5000 Fans? Ein frostiger, aber lebendiger Fußballabend, an dem man kurz träumen durfte. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen sagte: "Wenn der Ball nicht rein will, hilft auch kein warmer Tee." Da hat er wohl recht. 05.03.643987 02:43 |
Sprücheklopfer
Statistiken, Statistiken, für Statistiken habe ich mich schon früher nicht interessiert. Statistiken sind dafür da, um gebrochen zu werden.
Matthias Sammer