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40.000 Zuschauer im Estadio Atanasio Girardot erlebten an diesem 14. Spieltag der 1. Liga Kolumbien ein Wechselbad der Gefühle - zumindest, wenn sie es mit Nacional Medellin hielten. Die Gastgeber führten bis zur 85. Minute, ehe Atletico Cucuta in einer furiosen Schlussphase das Spiel noch drehte und mit 2:1 triumphierte. Dabei hatte alles nach einem glücklichen Heimsieg für die Grün-Weißen ausgesehen. Lange war das Spiel mehr Ringen als Rollen, Ballbesitz hin oder her - 51 Prozent für Medellin, aber mit wenig Esprit. Cucuta schoss öfter (15:4 Torschüsse) und gefährlicher, doch Torwart Luís Canton hielt, was zu halten war. "Ich dachte irgendwann, wir spielen hier Handball - alle stehen, keiner trifft", witzelte der junge Keeper nach dem Spiel. Erst in der 73. Minute brach das Stadion in Jubel aus. Duarte Gama, sonst als Rechtsverteidiger eher für das Grobe zuständig, tauchte plötzlich wie ein Phantom im Strafraum auf. Nach wunderbarer Vorarbeit des 17-jährigen Jacinto Vidigal drosch Gama den Ball unter die Latte. 1:0 für Nacional - und Jubel, als hätte man soeben die Meisterschaft gewonnen. Trainer der Heimmannschaft, ein Mann, dessen Name an diesem Abend öfter auf dem Schiedsrichterbogen als in der Pressekonferenz auftauchte, ballte die Faust, drehte sich aber schnell wieder um. Er ahnte wohl, dass da noch etwas kommen würde. Denn Cucuta warf jetzt alles nach vorn. Trainer Felix Eckball - nomen est omen - ließ seine Elf auf totale Offensive umstellen. "Wir wollten zeigen, dass Fußball kein Wartezimmer ist", grinste Eckball später, der mit seinem Team in den letzten Minuten ein Feuerwerk entfachte. Zunächst traf Silvestre Ruiz in der 85. Minute nach Pass von Fernando Frechaut. Ruiz, der bereits zuvor mit drei Abschlüssen auffällig gewesen war, nahm den Ball volley und ließ Canton keine Chance. 1:1 - und plötzlich lag Euphorie in der Luft, allerdings auf der falschen Seite des Stadions. Doch Cucuta hatte noch nicht genug. Nur zwei Minuten später stand der eingewechselte Jake Stewart, der in der 65. Minute für Nelson Futre gekommen war, goldrichtig. Nach Vorarbeit von Bruno Pelayo donnerte er den Ball aus spitzem Winkel ins lange Eck. 2:1 - Spiel gedreht, Stadion verstummt. Stewart riss die Arme hoch, als hätte er den Mount Everest bestiegen. "Ich habe einfach nicht nachgedacht", gab er später schmunzelnd zu. "Vielleicht war das das Beste, was ich tun konnte." Die letzten Minuten waren purer Nervenkitzel. Cucuta verteidigte plötzlich mit Pressing, als hinge das Leben davon ab, und Medellin rannte an - allerdings eher kopflos. Ein verzweifelter Schuss von Benjamin Van Butsel in der Nachspielzeit flog über alles hinweg, was man als Ziel bezeichnen könnte. Statistisch gesehen hätte Cucuta den Sieg schon früher klar machen müssen. 15 Torschüsse sprechen eine deutliche Sprache, ebenso die Zweikampfquote von 55 Prozent. Doch es war der Glaube bis zum Schluss, der den Unterschied machte. "Wir haben einfach nicht aufgehört, an uns zu glauben", erklärte Trainer Eckball fast philosophisch. "Und manchmal hilft es, wenn der Gegner zu früh denkt, er hat’s schon." Auf der anderen Seite wirkte Nacional-Coach nach dem Abpfiff wie ein Mann, der seine Brille sucht, obwohl sie auf seiner Nase sitzt. "Wir waren zu passiv, zu brav", knurrte er. "Und Cucuta hat uns für jeden Fehler bestraft." So bleibt Nacional Medellin im Niemandsland der Tabelle hängen, während Atletico Cucuta mit diesem Sieg Anschluss an die obere Tabellenhälfte hält. Für die 40.000 im Stadion bleibt ein Abend, der mit Hoffnung begann und mit Kopfschütteln endete. Oder, wie ein Fan auf der Tribüne es trocken zusammenfasste, während er sein Bier austrank: "Wenn du in der 73. führst und trotzdem verlierst, brauchst du keinen Gegner - du brauchst einen Therapeuten." Ein Schluss, der in Medellin wohl noch lange nachhallen wird. 18.06.643987 12:46 |
Sprücheklopfer
Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll