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Ein Montagabend in Quebec, 43.500 Zuschauer, minus zwei Grad und trotzdem: Stimmung wie im Sommerfestival. Die Quebec Blues empfingen am 30. Spieltag der 1. Liga Kanada die Kamloops Reds - und schickten sie mit einem 2:0 heim, das deutlicher war, als es das Ergebnis vermuten lässt. Die Partie begann so, wie sie endete: mit Druck, Tempo und viel Blau. Schon in der 2. Minute prüfte Christopher Berard mit einem Distanzschuss die Handschuhe von Reds-Keeper Henri Beyince. "Da wollte ich nur mal sehen, ob er wach ist", grinste Berard nach dem Spiel. Beyince war es - seine Vorderleute allerdings nicht. In der 11. Minute dann das, was man in Quebec mittlerweile als "Malfoy-Magie" bezeichnet. Julien Malfoy, 35 Jahre alt, rechts außen, ewiger Dauerbrenner, veredelte eine butterweiche Flanke von Yves Crichton mit einem trockenen Volley ins lange Eck. 1:0 - und das Stadion bebte. Trainer Lutz Lindemann riss die Arme hoch, als wäre gerade die Meisterschaft entschieden. "So ein Ding habe ich von Julien schon im Training gesehen - vor fünf Jahren", lachte er anschließend. Die Kamloops Reds wirkten vom frühen Rückstand irritiert. Sie hatten zwar mehr Ballbesitz (53 Prozent), wussten aber wenig damit anzufangen. Zwei Torschüsse in 90 Minuten - das ist nicht gerade das, was man als "Offensivfeuerwerk" bezeichnen würde. Vorne irrte Oliver Gallagher meist alleine durch die blaue Abwehrwand, hinten rettete Beyince, was zu retten war. Quebec dagegen spielte, als hätte man ihnen Espresso intravenös verabreicht. Diego Sousa rackerte im Sturmzentrum, Berard zog die Fäden im Mittelfeld, und Malfoy - nun ja, der hatte einfach einen dieser Abende. In der 55. Minute stand er wieder goldrichtig: Nach einem Eckball von Rhys Hamlin, der sich aus der Innenverteidigung nach vorne geschlichen hatte, drückte Malfoy den Ball aus kurzer Distanz über die Linie. 2:0, und das Publikum sang seinen Namen in Endlosschleife. "Ich hab einfach Spaß am Spiel", sagte Malfoy später mit einem breiten Grinsen. "Und wenn Rhys plötzlich Flanken schlägt, dann weißt du: Heute läuft’s." Wenig später musste Quebec allerdings einen Dämpfer hinnehmen: Julio Ordonez verletzte sich in der 60. Minute am Oberschenkel und wurde unter Applaus ausgewechselt. Für ihn kam Olivier Krieger, der das Spiel ruhig zu Ende brachte. "Julio hat sich beim Jubeln wohl zu sehr gefreut", witzelte Lindemann auf der Pressekonferenz, um gleich ernster nachzuschieben: "Hoffentlich ist es nichts Schlimmes." Die Kamloops Reds versuchten es derweil mit Schadensbegrenzung. Laurent Bethune holte sich in der 70. Minute eine gelbe Karte ab - sinnbildlich für einen Abend, an dem die Gäste eher die Beine der Gegner trafen als den Ball. Trainer der Reds (sein Name blieb in den Unterlagen ungenannt, aber seine Miene sprach Bände) stand stoisch an der Seitenlinie, die Hände tief in den Taschen, als wolle er sich in den Boden bohren. Statistisch gesehen war es ein Lehrbeispiel für Effizienz: Quebec mit 19 Torschüssen, Kamloops mit 2. Ballbesitz hin oder her - wer öfter schießt, gewinnt halt meistens. Thomas Trottier im Tor der Blues hätte theoretisch auch einen Liegestuhl aufstellen können; so wenig war bei ihm los. Taktisch blieb Lindemann seiner offensiven Linie treu: offensive Ausrichtung, stark in der Aggressivität, ausgewogen im Passspiel. Die Reds dagegen spielten, als hätten sie sich vorgenommen, niemanden zu stören - kein Pressing, keine Bissigkeit, dafür gepflegtes Herumreichen des Balls. Nach dem Abpfiff standen die Blues-Spieler Arm in Arm vor der Fankurve. Malfoy winkte, Sousa klopfte ihm auf die Schulter, Berard rief lachend: "Zweimal Malfoy, das reicht für zwei Spiele!" Die Fans skandierten, als sei es ein Pokalfinale gewesen - und vielleicht fühlte es sich für sie auch so an. Trainer Lindemann zog sein Fazit gewohnt trocken: "Wir hatten das Spiel im Griff. Wenn du 19:2 Torschüsse hast, darfst du dich nicht beschweren. Nur das dritte Tor hat gefehlt - aber man muss ja auch was für nächste Woche aufheben." Die Quebec Blues festigen mit diesem Sieg ihren Platz in der oberen Tabellenhälfte, während die Kamloops Reds weiter im Niemandsland der Liga verharren. Vielleicht sollten sie beim nächsten Mal den Ball etwas häufiger in Richtung Tor schießen - sonst wird’s schwer mit dem Punkten. Und Malfoy? Der lächelte zuletzt nur verschmitzt in die Kameras und sagte: "Ich bin alt, aber nicht müde." Nach so einem Auftritt glaubt ihm das jeder im Stadion. 22.08.643993 15:27 |
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Berti Vogts ist die arme Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird.
Rainer Calmund