// Startseite
| Canadian Soccer |
| +++ Sportzeitung für Kanada +++ |
|
|
|
Ein kalter Januarabend in London, Flutlicht, 38.752 Zuschauer - und ein Spiel, das man getrost in die Kategorie "nichts für schwache Nerven" einordnen darf. London United bezwang Montreal Power mit 2:1 (0:1) und bewies dabei, dass Fußball manchmal mehr mit Geduld und Glauben als mit Statistik zu tun hat. Dabei hatte zunächst alles nach einem gebrauchten Abend für die Mannschaft von Trainer Ron Wiesel ausgesehen. Montreal Power, angetreten mit der gewohnten offensiven Ausrichtung, nutzte in der 42. Minute eine der wenigen Lücken in der Londoner Abwehr. Linksverteidiger Olivier Jean-Pierre, sonst eher für das Rasieren der Grasnarbe in der eigenen Hälfte bekannt, tauchte plötzlich im Strafraum auf und vollendete nach Zuspiel von Daniel Scharboneau eiskalt zum 0:1. "Ich dachte erst, der Schiri pfeift mich zurück - so frei stand ich noch nie", grinste Jean-Pierre nach dem Spiel. Zur Halbzeit herrschte betretenes Schweigen im Stadion. London United hatte zwar 50 Prozent Ballbesitz, aber aus zwölf Torschüssen keinen Treffer erzielt. "Wir hatten Chancen, aber wir haben sie behandelt wie schlechte Dates - kurz angeschaut, dann ignoriert", ätzte Trainer Wiesel später. Die zweite Halbzeit begann mit einem Donnerwetter von Ron Wiesel in der Kabine - zumindest ließ der Einsatz seiner Spieler darauf schließen. London drückte, kombinierte, stürmte - und wurde endlich belohnt. In der 68. Minute fasste sich Mittelfeldmann Adam Caron ein Herz und zog aus rund 20 Metern ab. Der Ball senkte sich mit poetischer Präzision ins rechte obere Eck zum 1:1. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Caron mit einem Schulterzucken. "Wenn du zwölfmal danebenhaust, muss irgendwann einer rein." Doch dann wurde es wild. Nur 14 Minuten später sah Javier Antolinez nach einem ungeschickten Einsteigen die Rote Karte. "Er trifft ihn leicht, aber der Schiedsrichter hatte wohl Lust auf Dramatik", kommentierte Kapitän Vincent Lenentine süffisant. Montreal Power witterte seine Chance, doch ihre Angriffsbemühungen wirkten wie ein alter Motor - viel Lärm, wenig Vortrieb. Trainer Heinz Mohr von Montreal stand an der Seitenlinie, die Hände tief in den Taschen, und murmelte: "Wir spielen eigentlich gut, aber der Ball hat heute andere Pläne." Seine Mannschaft kam noch zu ein paar Gelegenheiten, doch London hielt mit erstaunlicher Ruhe dagegen - und mit einem Mann weniger sogar das Risiko hoch. Dann die Nachspielzeit. 96. Minute. Francisco Iniguez, der bis dahin schon fünfmal erfolglos auf das Tor gezielt hatte, bekam einen Pass von Youngster Volker Klein. Ein Haken, ein Schuss - Tor. 2:1. Das Stadion explodierte förmlich. "Ich hab ihn endlich getroffen, diesen verdammten Ball", lachte Iniguez später. "Volker hat mir zugerufen: ’Schieß, bevor du’s dir anders überlegst!’ - also hab ich geschossen." Montreal Power brach in sich zusammen, während London United jubelnd zu seinem Publikum lief. Coach Wiesel, sonst ein Mann der ruhigen Worte, sprang an der Seitenlinie herum wie ein Teenager beim ersten Festival. "Das war pure Willenskraft", sagte er mit heiserer Stimme nach Abpfiff. "Und vielleicht ein bisschen Glück - aber das gestehe ich ungern ein." Die Statistik spricht am Ende eine deutliche Sprache: zwölf Torschüsse für London United, fünf für Montreal Power, fast ausgeglichener Ballbesitz (50,3 zu 49,7 Prozent). Doch Zahlen erzählen eben nicht die ganze Geschichte. Sie sagen nichts über Herz, Nerven und die ungebrochene Hoffnung, dass selbst in der 96. Minute noch alles möglich ist. Montreals Trainer Mohr wirkte gefasst, aber nicht glücklich: "Wir haben uns selbst geschlagen. Wenn du so viele kleine Fehler machst, wirst du bestraft. Und London war heute eiskalt - na gut, vielleicht eher lauwarm, aber effizient genug." Als das Stadion langsam leerte, hörte man noch ein paar Fans singen - oder besser: grölen - und ein Kind fragte seinen Vater: "Papa, warum jubeln die so doll?" Der Vater lächelte und sagte: "Weil sie’s fast schon nicht mehr geglaubt haben." Ein Satz, der das Spiel perfekt zusammenfasst. Fußball, wie er sein soll: unvernünftig, unvorhersehbar - und manchmal einfach wunderschön chaotisch. 10.04.643987 06:18 |
Sprücheklopfer
Wenn Lothar so weitermacht, wird er Schwierigkeiten haben, für sein Abschiedsspiel gegen die Nationalelf eine Mannschaft zusammenzukriegen.
Mario Basler