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Es war ein Abend, an dem 73.295 Zuschauer im Nordpark Zeuge eines Spiels wurden, das kein Feuerwerk an Toren bot, dafür aber ein Paradebeispiel für taktische Disziplin, Nervenstärke und pure Willenskraft. Der SC Norderstedt besiegte den favorisierten VfL Stuttgart mit 1:0 - ein Ergebnis, das nüchtern klingt, aber die Emotionen des 31. Spieltags der 1. Liga kaum widerspiegeln kann. Schon in den ersten Minuten deutete sich an, dass Trainer Andre Marsmann seine Mannschaft nicht zum Abwarten geschickt hatte. Bereits in der 2. Minute prüfte Sedat Sismanoglu den Stuttgarter Keeper Jaime Oliveira mit einem satten Linksschuss. "Ich wollte gleich zeigen, dass wir heute keine Statisten sind", grinste Sismanoglu später, während ihm noch der Schweiß von der Stirn tropfte. Die Schwaben versuchten es mit Offensivdrang über die Flügel - ganz nach dem Drehbuch ihres Coaches Venni Mislintat, der an der Seitenlinie unermüdlich gestikulierte, als wolle er mit purer Körpersprache ein Tor erzwingen. Doch Norderstedt stand kompakt, die Innenverteidiger Savard und Weise räumten ab, was kam. Ballbesitztechnisch (52 zu 48 Prozent) lag man leicht vorn, und auch die Torschussstatistik sprach mit 11:6 für die Hausherren. Das Spiel wogte hin und her, bis in der 41. Minute der Moment kam, der den Abend entscheiden sollte. Lewis Bancroft, der bullige Mittelstürmer, behauptete den Ball zwischen zwei Verteidigern, legte clever nach links - und Filip Lindström hämmerte das Leder humorlos ins lange Eck. 1:0. Ein Treffer, so präzise wie unaufgeregt. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Lindström später mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Erleichterung und Ungläubigkeit pendelte. Stuttgart reagierte wütend, doch mehr als ein paar harmlose Abschlüsse - vor allem durch den jungen Vidigal - sprangen nicht heraus. Marsmann indes blieb ruhig an der Seitenlinie, höchstens mal ein "Bleibt wachsam!" hallte über den Platz. Kurz vor der Pause sah Kahraman Bikmaz Gelb, weil er in bester Verteidigertradition "ein Zeichen setzen" wollte, wie er später trocken kommentierte. Nach dem Seitenwechsel versuchte Stuttgart alles. Mislintat brachte frisches Blut: erst den 19-jährigen Stanislaw Sanew, später den ebenfalls blutjungen Guillaume Berthier und Juanito Brito. Doch die Norderstedter Abwehr ließ sich nicht beirren. Torwart Larry Oudekirk pflückte Flanken wie Äpfel im Herbst und dirigierte seine Vorderleute mit der Ruhe eines Mannes, der schon alles gesehen hat. In der 63. Minute hätte Alex Botin beinahe für die Vorentscheidung gesorgt, sein Distanzschuss rauschte nur Zentimeter am Pfosten vorbei. Marsmann ballte die Faust, setzte aber lieber auf Stabilität. In der 76. Minute kam der 18-jährige Louis Büttner zu seinem Debüt - ein Moment, der den Trainer sichtbar rührte. "Der Junge hat sich das verdient. Und wenn er jetzt noch aufhört, sich beim Warmmachen zu verheddern, wird das was", witzelte Marsmann später. Stuttgart drückte weiter, ohne tödlichen Pass, ohne die letzte Idee. In der 83. Minute versuchte es Luis Contreras aus der Distanz - Oudekirk lenkte den Ball spektakulär über die Latte. Es war die Szene, in der klar wurde: Heute würde der VfL keinen Weg durch diese Mauer finden. Als Schiedsrichterin Jana Vollmer nach 94 nervenaufreibenden Minuten abpfiff, stürzten sich die Norderstedter Spieler aufeinander, als hätten sie gerade die Meisterschaft gewonnen. Lindström verschwand in einer Jubeltraube, Marsmann klopfte jedem einzelnen Spieler auf die Schulter - selbst dem Ersatztorhüter, der noch gar nicht richtig wusste, warum. "Wir haben heute nicht schön gespielt, aber wir haben gespielt, um zu gewinnen", resümierte Marsmann sachlich und grinste dann: "Und wenn’s schön wird, ist das Bonus." Mislintat dagegen suchte nach Worten: "Wir haben alles versucht, aber manchmal ist Fußball eben ein Spiel, das der Gegner gewinnt." Ein Satz, der den Abend wohl am besten beschreibt. Denn was bleibt, ist ein SC Norderstedt, der mit Leidenschaft und taktischer Reife den großen VfL Stuttgart niedergerungen hat - und ein Stadion, das noch lange von diesem einen, simplen, aber goldwerten Tor in der 41. Minute sprechen wird. Oder, wie ein Fan beim Rausgehen sagte: "War nix für die Galerie - aber für die Tabelle." 21.03.643990 11:51 |
Sprücheklopfer
Statistiken, Statistiken, für Statistiken habe ich mich schon früher nicht interessiert. Statistiken sind dafür da, um gebrochen zu werden.
Matthias Sammer