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Es war einer dieser Abende, an denen ein Fußballspiel mehr an eine Theateraufführung erinnert als an einen sportlichen Wettkampf. 16.000 Zuschauer im Estadio Municipal von San Pedro sahen, wie Real San Pedro und CF Suchitepequez sich ein Duell lieferten, das von Pathos, Tragik und einem Helden mit grauen Schläfen geprägt war: Jack Lorring, 34 Jahre alt, Rechtsaußen, Dauerläufer und - man darf das so sagen - der Mann, der Real San Pedro den Schlaf raubte. Schon in der 7. Minute bebte das Stadion. Benyamin Decker, der flinke Linksaußen von San Pedro, schlenzte nach Vorlage von Cristobal Meira den Ball aus spitzem Winkel ins Netz. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt", grinste Decker später, "so wie im Training - nur dass der Trainer da nie so jubelt." Die ersten Ränge hatten kaum aufgehört, Konfetti zu werfen, da kam Suchitepequez in Fahrt. Mateo Alvar, der Stratege im Mittelfeld, traf in der 24. Minute nach feinem Doppelpass mit Vadim Tatartschuk - 1:1. "Da haben wir kurz vergessen, dass Fußball auch Verteidigung ist", knurrte Real-Trainer (der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollte) nach dem Spiel. Tatsächlich schien seine Mannschaft in dieser Phase ein wenig zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Zwar hatten die Gastgeber am Ende 51,9 Prozent Ballbesitz und 11 Schüsse aufs Tor, doch die Effizienz der Gäste war schlicht eiskalt: neun Versuche, drei Treffer. In der zweiten Halbzeit nahm das Drama Fahrt auf. Beide Teams blieben taktisch erstaunlich gleichmütig - "ausgewogen", wie es in den Statistiken heißt -, aber auf dem Feld war von Ruhe wenig zu sehen. In der 70. Minute legte Linus Friedrich den Ball perfekt für Decker auf, der zum 2:1 einschob. Das Stadion explodierte, die Fans sangen, die Ersatzbank tanzte. "Ich dachte, das war’s", sagte Decker später. Tja, dachte er. Zwei Minuten später - man hatte kaum Zeit, den Torjubel zu twittern - kam Jack Lorring. Ein Pass von Innenverteidiger Stephan Steffens, ein kurzer Haken, ein trockener Schuss ins lange Eck: 2:2. "Der Junge hat eine Schusstechnik wie ein Uhrwerk", meinte CF-Trainer (auch er anonym, aber stolz) nach der Partie. Lorring selbst zuckte nur mit den Schultern: "Manchmal fliegt er halt rein." Als die Nachspielzeit begann, schien das Unentschieden besiegelt. San Pedro drückte, Moutinho und Meira verfehlten knapp, und Bruno Fernandes kassierte in der 76. Minute noch eine Gelbe Karte, offenbar aus purer Verzweiflung. Und dann, als die Heimfans schon Richtung Ausgang schauten, passierte das, was man später als "die 94.-Minute-Tragödie" bezeichnete: Tatartschuk flankte von links, Lorring stieg hoch, der Ball senkte sich wie in Zeitlupe - 3:2 für Suchitepequez. "Ich hab’s gar nicht geglaubt", sagte Torwart Andrew Boyd, "ich dachte, der Ball sei schon draußen." War er nicht. Die Tribüne verstummte. Nur die 200 mitgereisten Fans aus Suchitepequez schrien sich die Seele aus dem Leib. Lorring, der Held des Abends, winkte kurz, als wolle er sagen: "Ganz normaler Arbeitstag." Statistisch gesehen war Real San Pedro nicht schlechter. Sie liefen mehr, sie hatten mehr Ballbesitz, mehr Abschlüsse - nur eben nicht das letzte Quäntchen Glück. "Wir spielen schönen Fußball", verteidigte sich Trainer San Pedros mit einem müden Lächeln, "aber schön gibt keine Punkte." CF Suchitepequez dagegen zeigte, was Routine wert ist. Mateo Alvar zog im Mittelfeld die Fäden, Tatartschuk glänzte mit zwei Assists, und hinten hielt Steffens mit 34 Jahren noch immer wie ein Fels. Die Taktik? Laut Daten: "ausgewogen, sicheres Passspiel, kein Pressing". Übersetzt heißt das: Geduld, Erfahrung, und die Gelassenheit, auf den Fehler des Gegners zu warten. Nach dem Spiel saßen einige Fans von San Pedro noch auf den Betonstufen, starrten auf das leere Feld und murmelten etwas von "Fußballgöttern", die heute offenbar die Trikots getauscht hatten. Lorring indes lächelte im Kabinengang. "Ich bin müde", sagte er, "aber glücklich. Und wenn man in der 94. noch trifft - was will man mehr?" Was man mehr will? In San Pedro: vermutlich einfach nur Gerechtigkeit. In Suchitepequez: noch mehr Spiele wie dieses. Und irgendwo inmitten all der Emotionen bleibt die Erkenntnis: Fußball ist manchmal grausam, aber nie langweilig. 27.10.643990 09:05 |
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Torsten Legat