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Manchmal braucht ein Fußballspiel 94 Minuten, um einzuschlafen - und eine einzige, um alle wieder aufzuwecken. So geschehen im Stadion von AEL Athen, wo am 24. Spieltag der griechischen Super League 36.449 Zuschauer Zeugen eines dieser Abende wurden, die man erst für zäh hält und dann nie mehr vergisst. Die Gastgeber besiegten OFE Kreta mit 1:0, und der Held trug den Namen Jose Maria Costinha - 22 Jahre jung, Rechtsaußen, und seit Mittwochabend wahrscheinlich Dauergast auf jeder griechischen Titelseite. Bis zur 95. Minute hatte sich das Spiel in der feinen Kunst des Beinahe erschöpft. 13 Schüsse für AEL, 12 für Kreta - eine Statistik, die sich las wie ein Pingpong-Protokoll. Mal drosch Achilleas Iosifidis den Ball ans Außennetz (36.), mal scheiterte Guillermo Yanez aus spitzem Winkel an Tiago Pinto, dem stoischen Torhüter Athens, der über 90 Minuten wirkte, als könne ihn selbst ein Erdbeben nicht aus der Ruhe bringen. Trainer Ryan Mystery - ja, das ist tatsächlich sein Nachname - hatte seine Mannschaft in gewohnt ausgewogener Formation auflaufen lassen, mit Flügelspiel und später, als der Puls im Stadion sank, etwas aggressiverer Gangart. "Ich sagte den Jungs: Wenn wir schon schlafen, dann wenigstens mit dem Ball", grinste Mystery nach dem Spiel und zog dabei seine Kappe tief ins Gesicht. Kretas Coach Jeff Johnson hingegen sah nach Abpfiff aus, als hätte ihm jemand den letzten Feta vom Teller genommen. "Wir waren fast da. Fast. Und fast zählt hier leider nicht", knurrte er. Seine Mannschaft hatte über weite Strecken mitgespielt, kämpferisch, lauffreudig, mit einem jungen Sami Khedira im Mittelfeld, der mit seinen 18 Jahren schon den Rhythmus vorgab. Doch der Rhythmus führte selten zur Melodie - Torchancen verpufften, weil Yanez und Karaslawow zwar schnell, aber nicht präzise genug agierten. Die erste Halbzeit verlief torlos, aber nicht ereignislos. In der 30. Minute musste Athen’s Uwe Schubert verletzt raus, ein Muskelfaserriss, wie Mystery später bestätigte. Für ihn kam der 17-jährige Paisis Terzanidis, der sich, kaum auf dem Feld, sofort einen respektablen Schuss aus 20 Metern gönnte (64.). "Ich wollte zeigen, dass ich keine Angst habe", sagte der Teenager danach, während er einen Energy-Drink in Rekordzeit leerte. Auch Kreta wechselte zur Pause gleich dreifach - ein stilles Eingeständnis, dass Johnsons Plan A nicht funktionierte. Joel Anderson, Fernando Longas und Minos Theodoridis kamen neu, doch die erhoffte Frische blieb aus. Stattdessen bekam AEL zunehmend Oberwasser, angetrieben von einem immer aktiveren Mittelfeld um Evangelos Choutos, der zur Halbzeit für Alvertos Charisteas übernommen hatte. Und dann kam sie, die 95. Minute, die so oft der Zufall schreibt, aber diesmal wohl der Wille. Nach einem letzten verzweifelten Angriff über die rechte Seite setzte sich Anargiros Lagonikakis gegen zwei Gegenspieler durch und flankte halbhoch in die Mitte. Costinha stand da, wo Stürmer stehen sollten, und jagte das Leder mit der Entschlossenheit eines Mannes, der keine Verlängerung mehr wollte, ins rechte Eck. Das Stadion explodierte. 1:0. Ende. "Ich habe nur gesehen, dass der Ball fliegt - und dann war alles hell", stammelte Costinha nach Abpfiff, während ihn Mitspieler Iosifidis im Scherz auf die Schultern hob. Trainer Mystery kommentierte trocken: "Wir trainieren genau solche Momente. Nur nie in der 95. Minute." Kreta drängte danach noch ein letztes Mal, Yanez kam sogar noch zu einem Schuss in der Nachspielzeit (94.), doch Pinto parierte sicher - sinnbildlich für einen Abend, an dem AEL Athen einfach nicht bereit war, sich mit einem Punkt abzufinden. Statistisch gesehen war das Spiel fast ausgeglichen: 51 % Ballbesitz für Athen, 49 % für Kreta, Zweikampfquote nahezu pari. Doch Fußball wird eben nicht auf Rechenzetteln entschieden, sondern in Sekundenbruchteilen wie jener, in der Costinha das Stadion in ein Tollhaus verwandelte. Als Ryan Mystery in der Pressekonferenz gefragt wurde, ob das späte Tor verdient gewesen sei, antwortete er nach kurzem Nachdenken: "Verdient? Vielleicht nicht. Aber ehrlich gesagt: Das ist mir heute völlig egal." Und so ging Athen in die Nacht hinaus - müde, glücklich und mit dem Gefühl, dass manchmal selbst ein ausgeglichenes Spiel ein Happy End verdient. Kreta dagegen trat die Heimreise an mit der Erkenntnis, dass man auf der griechischen Festlandbühne auch mit guter Leistung leer ausgehen kann. Schlusswort? Nun ja: Wer bis zur 95. Minute durchhält, darf sich auch mal belohnen. Oder wie es der junge Costinha formulierte: "Ich hab nur geschossen - der Fußballgott hat entschieden." 14.06.643993 02:41 |
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Lothar Matthäus