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Das Flutlicht im Alkazar-Stadion brannte heiß, 35.221 Zuschauer stampften ungeduldig auf den Betonstufen, und das Thermometer zeigte zwar nur 8 Grad, doch die Partie zwischen AU Larissa und OFE Kreta hatte von Beginn an mediterranes Fieber. Am Ende hieß es 3:4 (0:3) - ein Ergebnis, das so verrückt klingt, wie das Spiel tatsächlich verlief. Trainer Bernard Dietz stand nach dem Abpfiff an der Seitenlinie, die Hände tief in den Taschen, und murmelte halb zu sich, halb zu den Reportern: "Ich hätte mir gewünscht, dass das Spiel nach 45 Minuten anfängt." Man konnte es ihm nicht verdenken. Seine Mannschaft verschlief die erste Halbzeit komplett, während die Gäste aus Kreta Fußball zum Anfassen boten - allerdings nur für jene, die schnell genug waren, um hinterherzugucken. Schon in der 11. Minute schlug Felipe Jemez eiskalt zu. Nach einer Flanke des quirlig aufspielenden Rechtsverteidigers Agemar Corcoles drosch der Mittelstürmer den Ball humorlos unter die Latte - 0:1. Larissas Torwart Javi Ximenes schüttelte nur den Kopf, als wolle er sagen: "Das war kein Schuss, das war eine Drohung." Danach rollte der kretische Express. In der 36. Minute kombinierte sich das Team über Niklas Reiter durchs Zentrum, Vyron Stephanopoulos vollstreckte mit jugendlicher Unverschämtheit zum 0:2. Acht Minuten später derselbe Mann, wieder Stephanopoulos, wieder Präzision, wieder Tor. Diesmal hatte Minos Theodoridis über links Maß genommen, Larissas Abwehr sah aus, als würde sie auf den Bus warten. 0:3 - und in den Katakomben hörte man schon das Rascheln der Halbzeitreden. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen endlich Fußball spielen und nicht Briefmarken sammeln", verriet Dietz später mit einem gequälten Lächeln. Was auch immer er sagte - es wirkte. Denn kaum lief die zweite Hälfte, explodierte Larissa. 46. Minute: Timon Katsouranis steckt durch, Mirko Kranjcar zieht aus der Drehung ab - 1:3. Zwei Minuten später wieder Kranjcar, diesmal nach Vorlage des 17-jährigen Stelios Firos, der mit frechem Dribbling gleich zwei Verteidiger alt aussehen ließ. 2:3 - das Stadion tobte, und plötzlich klang der Name "Larissa" wie das Versprechen auf ein Wunder. Als Louis Bloomfield in der 60. Minute nach Vorarbeit von Marco Caneira das 3:3 erzielte, stand Dietz mit erhobenen Armen an der Linie, als wolle er den Fußballgöttern direkt danken. Kreta wankte, Larissa rannte - und dann kam wieder dieser Stephanopoulos. Der 20-Jährige hatte wohl beschlossen, dass drei Tore ein schöner Abend, aber vier Tore eine Karriere sind. In der 75. Minute schnappte er sich den Ball nach einem Abpraller, schaute kurz, schoss lang - 3:4. "Ich dachte, der Junge träumt noch vom Schulabschluss", witzelte OFE-Trainer Jeff Johnson später. "Aber er hat mir gezeigt, dass er lieber Geschichte schreibt." Larissa kämpfte, biss, rannte gegen die Zeit. Doch statt des Ausgleichs gab es Gelbe Karten: Caio Conceicao (59.) und Luis de Freitas (63.) sahen den Karton, weil sie offenbar den Ball mit der Säge attackierten. Und als in der 82. Minute Savvas Anagnostou verletzt vom Platz humpelte, sank die Moral ein weiteres Stück. Die Statistiken erzählen den Rest der Geschichte: 17 Torschüsse für Kreta, nur 9 für Larissa. 63 Prozent Ballbesitz für die Gäste, 37 für die Gastgeber. Und doch war es ein Spiel, das kein Zuschauer so schnell vergisst. "Wir haben zwei Gesichter gezeigt", analysierte Mirko Kranjcar nach dem Abpfiff ehrlich. "Eins zum Weglaufen und eins zum Hoffen." Der junge Stelios Firos, mit roten Wangen und noch halbem Milchbart, grinste daneben: "Ich dachte, wir holen das noch. Aber wenigstens bin ich jetzt im Fernsehen." Bernard Dietz dagegen blickte schon nach vorn: "Wenn wir so spielen wie in der zweiten Halbzeit, brauchen wir uns vor niemandem zu verstecken. Wenn wir so spielen wie in der ersten, sollten wir uns aber dringend verstecken." Und irgendwo in der kretischen Kabine soll Vyron Stephanopoulos leise gesungen haben - nicht aus Übermut, sondern weil man nach einem Hattrick in der Fremde einfach singen darf. Ein wildes, launisches, herrlich unperfektes Fußballspiel also, wie man es in Griechenland liebt. Kreta lacht, Larissa lernt - und die Fans gehen heim mit dem Gefühl, Zeugen eines kleinen Theaterstücks gewesen zu sein. Titel des Stücks: "Wer zu spät erwacht, verliert." 27.11.643987 14:11 |
Sprücheklopfer
Wichtig ist, dass wir auch kämpferisch überzeugen und nicht nur Eiskunstlaufen machen.
Rainer Calmund