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Ein warmer Abend auf Kreta, Flutlicht, 34.698 Zuschauer, die Sonne längst hinter den Olivenhainen verschwunden - und OFE Kreta zeigt, warum Fußball manchmal mehr Theater als Sport ist. Mit einem souveränen 2:0 gegen Ergotelsis holte sich die Mannschaft von Trainer Jeff Johnson am 26. Spieltag der griechischen Superliga drei verdiente Punkte - und das mit einer Spielfreude, die selbst die Möwen über dem Stadion zum Kreisen brachte. Schon nach sechs Minuten rieb sich so mancher Fan verwundert die Augen: Ktesias Salpingidis, sonst eher Architekt als Vollstrecker, zog aus 20 Metern ab, als wäre er kurzzeitig in den Körper eines Mittelstürmers gefahren. Der Ball zischte flach ins rechte Eck, und Ergotelsis-Keeper Anargiros Vryzas kam nicht einmal zum Hechtsprung. "Ich hab einfach mal draufgehalten, weil Agemar mir zugerufen hat, ich solle endlich was Produktives tun", grinste Salpingidis später. Der Passgeber Agemar Corcoles, Rechtsverteidiger mit spanischem Temperament, nickte nur: "Ja, manchmal muss man ihn anschreien, damit er merkt, dass er Platz hat." Ergotelsis dagegen schien überrumpelt. Ihr Plan: "Balanciertes Spiel, kontrollierte Defensive, keine Hektik", wie Trainer Ioakim Mitroglou (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Ex-Nationalspieler) später erklärte. Nur - Kontrolle hatte an diesem Abend fast ausschließlich OFE. 26:2 Torschüsse sprechen eine Sprache, die auch ohne Übersetzung verstanden wird. Kurz nach der frühen Führung wurde es dann ruppig. Ricardo Estevo, Innenverteidiger von Ergotelsis, leistete sich schon in der achten Minute ein rustikales Einsteigen gegen Amanatidis und sah folgerichtig Gelb. "Ich wollte nur zeigen, dass wir auch da sind", erklärte Estevo nach dem Spiel - und fügte mit einem schiefen Lächeln hinzu: "Vielleicht ein bisschen zu deutlich." OFE Kreta hielt das Tempo hoch, spielte variabel, ließ Ball und Gegner laufen. Minos Theodoridis feuerte aus der Distanz, Guillermo Yanez zauberte über links, und die rechte Seite war so aktiv, dass sogar die Ersatzbank sich warm klatschte. Nur die Tore fehlten - bis zur Pause blieb es beim 1:0, obwohl der Ballbesitz nahezu ausgeglichen war (49 zu 51 Prozent), was allerdings weniger über die Qualität der Chancen aussagte als über das taktische Konzept: OFE spielte mit Mut, Ergotelsis mit Papierkram. Nach dem Seitenwechsel kam Bewegung ins Spiel - und Drama. In der 52. Minute blieb Blagoj Karaslawow nach einem Sprint liegen, hielt sich das Knie. Das Stadion verstummte kurz. "Ich dachte, das war’s für ihn", sagte Trainer Johnson später. "Aber dann hat Blagoj noch vom Rasen aus gerufen, wir sollen gefälligst das 2:0 machen." Gesagt, getan: Nur zwei Minuten später bereitete der 17-jährige Dimas Oliveira - eben erst eingewechselt - mit einem frechen Flankenlauf das 2:0 vor. Fedon Amanatidis, vorne stets gefährlich, köpfte wuchtig ein (54.). "Ich hab Dimas nur angeschaut und gedacht: Der Junge hat keine Angst", erzählte Amanatidis nach dem Abpfiff. Oliveira grinste schüchtern: "Ich hab einfach den Ball dahin geschlagen, wo Fedon hingelaufen ist. Mehr war das nicht." Ergotelsis versuchte danach, irgendwie den Anschluss zu finden. Zwei Schüsse aufs Tor - das war ihre gesamte Ausbeute. Der eine kam von Stelios Zagorakis (31.), der andere von Fotios Sisinis kurz vor der Pause (44.) - beide Male ohne echte Gefahr. Der Rest des Spiels: ein Lehrfilm in Sachen Abwehrarbeit und Geduld. OFE ließ Ball und Gegner laufen, kombinierte sich bis in den Strafraum, schoss aus allen Lagen (passend zur taktischen Vorgabe "ANYTIME") und hätte locker höher gewinnen können. "Wir hätten 5:0 spielen können, aber ich will mich nicht beschweren", lachte Trainer Johnson in der Pressekonferenz. "Wir haben aggressiv gespielt, stark gepresst, und die Jungs haben sich endlich belohnt. Außerdem - schöner kann man nicht in den Abend starten als mit einem Tor nach sechs Minuten." Trotz aller Überlegenheit blieb OFE Kreta fair und konzentriert. Kein einziges böses Foul, keine roten Karten, stattdessen viel Spielfreude und etwas jugendlicher Übermut. Als Schiedsrichter Papadopoulos in der 92. Minute abpfiff, ging ein kollektives Aufatmen durchs Stadion - und ein erleichtertes Lächeln über Jeff Johnsons Gesicht. "Ich glaube, ich geh jetzt erstmal einen Raki trinken", murmelte der Coach, während die Fans bereits skandierten: "Kreta! Kreta!" - und die Spieler eine Ehrenrunde drehten. Ein gelungener Abend also für OFE Kreta, das mit diesem 2:0 nicht nur drei Punkte, sondern auch eine gehörige Portion Selbstvertrauen einsammelte. Ergotelsis hingegen wird sich fragen müssen, ob "balanciert" wirklich das richtige Motto war. Manchmal muss man eben loslassen, um zu gewinnen - oder zumindest, um mehr als zweimal aufs Tor zu schießen. Und irgendwo zwischen dem Rauschen des Mittelmeers und den Jubelgesängen auf den Rängen dürfte Jeff Johnson gedacht haben: Wenn Fußball so leicht wäre wie dieser Sieg, hätte er längst graue Haare. 16.11.643987 01:08 |
Sprücheklopfer
Wichtig ist, dass wir auch kämpferisch überzeugen und nicht nur Eiskunstlaufen machen.
Rainer Calmund