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Wer am Sonntagabend im "Theodoros-Vardinogiannis-Stadion" auf Kreta Platz nahm, bekam für seine Eintrittskarte ein Fußballfest serviert, das in seiner Intensität zwischen mediterraner Lebensfreude und nordischem Pragmatismus schwankte. 39.402 Zuschauer sahen, wie OFE Kreta den Favoriten Olympiokos mit 4:1 (2:1) zerlegte - mit einem Spiel, das von der ersten Minute an nach Ouzo und Angriffslust roch. Denn kaum hatte Schiedsrichter Kalogeropoulos angepfiffen, da zappelte der Ball schon im Netz. Blagoj Karaslawow, der flinke Rechtsaußen mit dem Temperament eines Espresso-Doppels, nutzte nach gerade einmal 60 Sekunden die erste Chance: 1:0 für Kreta. "Ich hatte noch nicht mal die Schuhe richtig geschnürt", grinste der Torschütze nach dem Spiel, "aber der Ball wollte einfach rein." Olympiokos, von Trainer Dirk Reichmann mit einer offensiven Ausrichtung losgeschickt, wirkte zunächst überrascht, fing sich aber nach rund 20 Minuten. Lukas Charisteas und Philippos Xanthopoulos prüften Keeper Kian Boutin mehrfach - neun Torschüsse standen am Ende für die Gäste zu Buche, doch nur einer fand sein Ziel. Und der kam, natürlich, aus dem Nichts: In der 37. Minute donnerte Linksverteidiger Spyridon Giannopoulos nach Pass von Emmanouil Vassiliadis den Ball aus 25 Metern in den Winkel. Ein Treffer, der kurzzeitig aufkeimende Hoffnung bei den Rot-Weißen weckte. Doch die hielt exakt vier Minuten. Dann schlug Kreta erneut zu. Duarte Caneira, der wendige Rechtsmittelfeldspieler, schob nach Vorlage von - wem sonst - Karaslawow überlegt zum 2:1 ein. "Das war typisch Duarte", lobte Trainer Jeff Johnson später, "er sieht den Raum, bevor er entsteht." Dass Johnson dabei mit einem Espresso in der Hand und einem kaum verhohlenen Lächeln sprach, passte zum Abend. Nach dem Seitenwechsel versuchte Olympiokos, mit Pressing und langen Bällen Druck aufzubauen. Doch was kam, war eine Mischung aus Verzweiflung und Fehlpässen. In der 48. Minute bedankte sich Kretas Mittelfeldmotor Manuel Da Cru für die Lücken im Zentrum: Nach Flanke von Minos Theodoridis nahm er den Ball volley und traf zum 3:1. "Ich dachte erst, ich sei zu weit weg", sagte Da Cru später, "aber dann erinnerte ich mich: Wir sind auf Kreta, hier geht alles ein bisschen leichter." Das Spiel war entschieden, doch Kreta hatte noch Lust auf mehr. In der 69. Minute krönte Karaslawow seinen Galaabend mit seinem zweiten Treffer - eine Kombination über den linken Verteidiger Markos Kirastas, ein kurzer Haken, ein Schuss ins kurze Eck: 4:1. Das Stadion bebte, irgendwo auf der Tribüne tanzte ein älterer Herr Sirtaki, während Trainer Johnson in aller Ruhe seine Kaugummis zählte. Olympiokos hingegen verfiel in Frust. Drei Gelbe Karten - Tasos Xanthopoulos (52.), Philippos Xanthopoulos (62.) und Lukas Charisteas (88.) - zeugten von wachsender Verzweiflung. "Wir waren nicht aggressiv, wir waren planlos", murrte Reichmann nach dem Spiel, "Kreta hat uns mit Einfachheit geschlagen. Und das tut am meisten weh." Kurz vor Schluss wurde es noch einmal unruhig: Rechtsverteidiger Fernando Longas musste nach 82 Minuten verletzt raus, der junge Theagenis Lekkas kam und holte sich prompt in der 86. Minute Gelb - offenbar wollte er zeigen, dass er dazugehört. "Ich war einfach zu motiviert", gab er später schmunzelnd zu. Statistisch war die Partie fast ausgeglichen - 50,1 Prozent Ballbesitz für Kreta, 49,8 für Olympiokos, Torschüsse 11:9. Doch die Zahlen lügen: Kreta spielte zielstrebig, Olympiokos wirkte wie ein Tourist, der den Bus zum Strand verpasst hat. "Wir haben heute Fußball gearbeitet, nicht zelebriert", meinte Johnson später in der Pressekonferenz. "Aber manchmal ist das die schönste Art des Feierns." Sein Gegenüber Reichmann nickte düster, murmelte etwas von "fehlender Balance" und verschwand Richtung Kabine - wahrscheinlich auf der Suche nach einem Erklärungsversuch, der weniger schmerzhaft klingt als das nackte 1:4. Am Ende blieb ein Abend, der für Kreta mehr war als drei Punkte: Es war der Beweis, dass Leidenschaft, Laufbereitschaft und ein bisschen Chaos manchmal reichen, um das Establishment zu erschüttern. Und irgendwo im nächtlichen Heraklion klang es, als würde jemand noch immer singen: "OFE! OFE!" - diesmal ganz ohne Ironie. 10.08.643993 23:05 |
Sprücheklopfer
Bei diesem Schiedsrichter hätte auch unser Busfahrer eine gelbe Karte bekommen.
Rainer Calmund