// Startseite
| Athlitiki Icho |
| +++ Sportzeitung für Griechenland +++ |
|
|
|
Wenn 38.747 Zuschauer auf Kreta ins Stadion kommen, ahnt man: Heute gibt’s entweder ein Fest oder ein Fiasko. Für Giannina wurde es Letzteres. OFE Kreta fegte die Gäste am 25. Spieltag der 1. Liga Griechenlands mit 4:1 (3:1) vom Platz - und das in einer Partie, die schon nach fünf Minuten den Charakter eines griechischen Dramas annahm. "Wir wollten früh Druck machen", sagte Kretas Trainer Jeff Johnson später mit einem Grinsen, "aber dass Guillermo gleich in der fünften Minute trifft, war dann doch schneller, als ich meinen Kaffee austrinken konnte." Tatsächlich war es Guillermo Yanez, der nach einer butterweichen Flanke von Rechtsverteidiger Fernando Longas die Kugel kompromisslos ins Netz drosch. Kaum hatte sich Giannina sortiert, stand es 1:0 - und das Publikum sang schon von Europa. Doch die Gastgeber hatten noch nicht genug. In der 20. Minute trat der 18-jährige Sami Khedira (nein, nicht der bekannte, aber vielleicht ein entfernter Cousin) zum Tanz an. Nach schönem Zuspiel von Blagoj Karaslawow schob er eiskalt ein - 2:0. "Ich hab einfach geschossen, weil keiner kam", grinste der Youngster, "normalerweise krieg ich da sonst Ärger." Sein Trainer antwortete nur: "Wenn du weiter so triffst, darfst du schießen, wann du willst." Kreta spielte in dieser Phase wie im Rausch: 54 Prozent Ballbesitz, 16 Torschüsse, und die rechte Seite um Longas und Karaslawow brannte lichterloh. Letzterer durfte sich in der 33. Minute selbst in die Torschützenliste eintragen, nach feinem Pass von Minos Theodoridis. 3:0 - und die Fans schwangen schon die Tücher. Doch kurz vor der Pause meldete sich Giannina zu Wort. In der 45. Minute kombinierte sich Amaury Figo über rechts durch und legte mustergültig für den erfahrenen Reece Hamlin auf, der aus kurzer Distanz einschob. 3:1 - ein Hoffnungsschimmer, zumindest für ein paar Minuten. "Ich dachte, jetzt kippt das Spiel", sagte Gästetrainer Kai Häntsch später. "Dann fiel mir ein: Wir sind immer noch auf Kreta." Denn kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, machte Minos Theodoridis alles klar. In der 49. Minute zog er nach Vorlage von Innenverteidiger Odysseas Christou aus 20 Metern ab - der Ball zischte ins Eck. 4:1, die Sonne schien, und Giannina schien erledigt. Die restlichen 40 Minuten waren dann ein Wechsel aus kretischer Spielfreude und taktischer Kontrolle. Johnson ließ seine Elf im "balanced mode" weiterspielen - kein wildes Pressing, kein übertriebener Eifer. "Wir haben einfach den Ball laufen lassen", erklärte Theodoridis. "Manchmal ist Nichtstun die beste Taktik." Auf der anderen Seite versuchte Häntsch mit Jugend zu retten, was zu retten war: Erst kam der 17-jährige Diogo Dalot für Yannik Günther, dann durfte Nachwuchskeeper Karolos Vryzas ran. "Ich wollte den Jungs zeigen, was Sonne ist", sagte Häntsch halb im Ernst, halb im Trotz. "Außerdem: Erfahrung kriegst du nicht auf der Bank." In der 69. Minute sah Kretas Bruno Sterling noch Gelb - offenbar aus Langeweile, nachdem er 20 Minuten lang keinen Gegenspieler gesehen hatte. "Ich wollte nur mal zeigen, dass ich auch schwitzen kann", witzelte der Verteidiger nach der Partie. Kretas Fans feierten längst, als Jeff Johnson seine Routiniers vom Feld nahm und dem 19-jährigen David Block ein paar Minuten gönnte. "Der Junge hat heute gelernt, wie laut ein Stadion sein kann, wenn du 4:1 führst", grinste Johnson. Giannina kam in der Nachspielzeit noch zu einem harmlosen Schuss durch Jose Enrique Exposito - der Ball verfehlte das Tor, aber immerhin musste Kian Boutin im Kreta-Tor einmal die Handschuhe benutzen. Am Ende blieb es beim deutlichen 4:1. Kreta war in allen Belangen überlegen: mehr Schüsse, mehr Ballbesitz, mehr Spaß. Giannina dagegen wirkte wie ein Team, das auf einer Insel gelandet war, aber das Meer nicht mag. "Wir sind heute an einem besseren Team gescheitert", gab Häntsch fair zu. "Aber immerhin haben wir ein Tor geschossen - das ist auf Kreta ja schon fast wie ein Sieg." Zum Schluss stand Jeff Johnson mit Sonnenbrille und breitem Lächeln auf dem Rasen. "Ich sag’s mal so", meinte er, "wenn wir so weiterspielen, müssen wir bald die EU um mehr Feiertage bitten." Ein Abend voller Sonne, Spielfreude und kretischem Selbstbewusstsein - und eine Erinnerung daran, dass Fußball auf dieser Insel immer ein bisschen nach Urlaub schmeckt, selbst für die Gäste, die mit Sonnenbrand und vier Gegentoren abreisen. 25.06.643993 15:58 |
Sprücheklopfer
Manchmal spreche ich zuviel.
Lothar Matthäus