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Ein lauer Abend in Caracas, 32.546 Zuschauer, ein Rasen, der schon beim Aufwärmen den Eindruck machte, er hätte zu viele Samba-Fußballer gesehen - und doch war es am Ende kein Tanz, sondern ein zähes Ringen: Atletico Anzoátegi entführte beim 2. Spieltag der 1. Liga Venezuela mit einem knappen, aber verdienten 1:0-Sieg alle drei Punkte aus dem Estadio Olímpico. Real Caracas, bemüht, engagiert, und mit 13 Torschüssen auch nicht gerade schüchtern, blieb gegen kaltschnäuzige Gäste ohne Torerfolg. Das einzige Tor fiel kurz vor der Pause: In der 43. Minute veredelte Guy Bruns einen dieser Momente, in denen Zeit und Raum kurz stillzustehen scheinen. Rechtsaußen Carlos Ferreira, der alte Fuchs mit 34 Jahren, hatte noch einmal Tempo aufgenommen, flankte halbhoch in den Strafraum - und Bruns drosch den Ball mit dem rechten Fuß unter die Latte. Helmut Ackermann im Tor der Hausherren war zwar noch dran, aber das Leder zappelte schon im Netz, bevor er die Hand richtig ausstrecken konnte. "Ich hab gesehen, dass Carlos den Ball perfekt trifft, da musste ich nur noch die Augen zu und draufhalten", grinste Bruns später in die Mikrofone. Bis dahin hatte Real Caracas das Spiel durchaus im Griff. Trainer Eiko Henke ließ sein Team mit ausgewogener Ausrichtung agieren, kein wildes Pressing, kein Hauruck-Fußball - eher geduldig, bisweilen zu geduldig. Vitor Andrade, der 20-jährige Linksaußen, schoss allein in der ersten halben Stunde dreimal gefährlich aufs Tor, aber Inigo Bergantinos im Kasten der Gäste war ein Bollwerk in Handschuhen. "Ich dachte, der kriegt irgendwann Krämpfe vom dauernden Fliegen", murmelte Real-Mittelfeldmann Jordi Pinto halb belustigt, halb frustriert. Kurz nach der Pause kam Caracas mit frischem Mut zurück. Xavi Eusebio prüfte Bergantinos in der 48. Minute, Jordi Pinto wieder in der 49., und als Andrade in der 51. Minute erneut aus der Distanz abzog, hielt das Stadion den Atem an - doch wieder flog die gelbe Mauer im Tor von Anzoátegi im richtigen Moment. "Manchmal hat man das Gefühl, der Ball will einfach nicht rein", seufzte Henke später. "Und manchmal hat man auch das Gefühl, der Schiedsrichter sollte die Tore ein bisschen größer machen." Anzoátegi hingegen spielte mit der Ruhe einer Mannschaft, die weiß, dass ein Tor reicht. 52,9 Prozent Ballbesitz, 9 Torschüsse - kein Feuerwerk, aber bemerkenswert effizient. Olivier De Mey und Lukas Xanthis hielten das Mittelfeld kompakt, während Fabio Rocha vorn läuferisch alles gab. Der bekam in der 25. Minute nach einem ruppigen Einsteigen von Ferenc Soos gleich mal einen Vorgeschmack, wie herzlich Caracas verteidigen kann. Der junge Soos sah kurz darauf selbst Gelb - ebenfalls verdient, wie sogar die Heimfans mit einem ironischen Applaus quittierten. Henke wechselte zur Pause den 18-jährigen Lukasz Piszczek ein, später kamen Tiago Bauza und der 17-jährige Joseba Couto. Jugend forscht, könnte man sagen - aber die Gäste ließen sich auch davon nicht aus der Ruhe bringen. "Sie haben uns laufen lassen, aber nie richtig wackeln", lobte Anzoátegi-Coach (dessen Name die Reporter phonetisch nur schwer hinbekamen) sein Team. In den letzten zehn Minuten stemmte sich Caracas mit allem, was noch Beine hatte, gegen die Niederlage. Pinto traf in der 81. Minute nur das Außennetz, Andrade verzog in der 85. Minute aus spitzem Winkel, und als Soos in der 88. Minute tatsächlich aus 25 Metern abzog, reckte das Stadion kollektiv die Arme - um sie gleich wieder sinken zu lassen. Der Ball landete auf dem Tornetz. "Wenn du 13 Mal aufs Tor schießt und nichts triffst, dann ist das halt so ein Abend", meinte Henke trocken. Bruns hingegen grinste breit: "Wir haben’s überlebt - und gewonnen. Mehr wollten wir gar nicht." So bleibt Atletico Anzoátegi nach zwei Spieltagen ungeschlagen, Real Caracas hingegen wartet weiter auf den ersten Sieg. Die Zuschauer verabschiedeten ihre Mannschaft mit Applaus - und einem Schuss Galgenhumor. Ein älterer Fan auf der Tribüne rief: "Nächstes Mal schießen wir vielleicht auch ein Tor!" - worauf sein Nachbar trocken antwortete: "Oder wir treffen wenigstens den Pfosten, das wär ja schon was." Ein Spiel, das kein Spektakel war, aber eines dieser typisch südamerikanischen Duelle: hart, eng, leidenschaftlich - und entschieden durch einen Moment purer Cleverness. Und während die Lichter im Stadion erloschen, blieb nur der Gedanke: Manchmal reicht ein einziger Treffer, um eine ganze Stadt zum Schweigen zu bringen. 03.12.643993 13:00 |
Sprücheklopfer
Sicherlich haben wir im Moment einen kleinen Lauf, aber Lauf heißt ja bekanntlich Lauf, weil's von laufen kommt.
Matthias Sammer