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Wenn 74 250 Menschen im Kingston Stadium die Nacht zum Tag machen, dann ahnt man: Heute wird Fußball zelebriert - oder zumindest sehr laut kommentiert. Die Kingston Boys, angeführt vom stets gelassenen Mahatma Haathi, empfingen am 9. Spieltag der 1. Liga Jamaica die Gäste von Bull Bay. Am Ende stand ein 3:0 auf der Anzeigetafel - und das war weder geschmeichelt noch zufällig. Von Beginn an hatten die Boys Lust auf Spektakel. Schon in der zweiten Minute prüfte Maurice Turcotte mit einem satten Schuss den Bull‑Bay‑Keeper Henri Carriere. Das Leder zischte knapp vorbei, aber der Ton war gesetzt: Kingston wollte Tore, keine Geduld. "Ich hab’ gesagt: Wenn wir schon Pressing sparen, dann wenigstens schießen", grinste Haathi nach dem Spiel und deutete damit auf die taktische Kuriosität seiner Mannschaft - offensiv, konternd, aber ohne Pressing. Bull Bay versuchte es mit langen Pässen auf Joao del Rio, doch die Innenverteidiger Liam Grantham und Luís Prieto räumten alles ab, was in ihre Nähe kam. Del Rio selbst schüttelte nach einem verlorenen Kopfballduell nur den Kopf: "Ich hab’ mehr Rücken als Ball gesehen." In der 37. Minute fiel dann das, worauf das Stadion gewartet hatte: Turcotte flankte von links, und der junge Frederic Balzac setzte sich im Strafraum durch - 1:0! Der Jubel klang wie eine Mischung aus Karneval und Erdbeben. "Ich wollte eigentlich köpfen, aber der Ball traf mein Knie - vielleicht war das besser", sagte Balzac später mit einem breiten Grinsen. Bis zur Halbzeit blieb es beim 1:0, doch die Kingston Boys hatten das Spiel längst unter Kontrolle. Ihre 15 Torschüsse (gegen nur vier der Gäste) erzählten eine Geschichte, die auch ohne Statistik verständlich war: Bull Bay hatte Ballbesitz, aber keine Ideen. 50,3 Prozent Ballkontrolle - und doch kaum Gefahr. Nach dem Seitenwechsel kam Miguel Andrade zweimal gefährlich zum Abschluss, aber noch hielt Carriere den Schaden in Grenzen. Doch dann kam die 61. Minute: Jean‑Pierre Gagne zirkelte eine Ecke, und Verteidiger Luís Prieto stieg höher als alle anderen - 2:0! Ein Innenverteidiger mit Stürmergefühl. "Ich hab’ gesagt: Wenn keiner trifft, mach ich’s halt selbst", lachte Prieto. Nur drei Minuten später folgte der endgültige Knock‑out für Bull Bay. Diesmal spielte Balzac den Vorlagengeber, Thomas Guillory vollendete eiskalt zum 3:0. Im Gästeblock wurde es merklich stiller, während die Heimkurve in rhythmisches Trommeln verfiel, als wolle sie das Stadion zum Wanken bringen. Trainer Sports Mann von Bull Bay stand stoisch an der Seitenlinie, die Hände tief in den Taschen. "Wir haben offensiv gespielt, aber leider nur auf dem Papier", murmelte er nach dem Abpfiff. Seine Mannschaft, die laut Taktikzettel "offensiv" und "balanciert" agieren sollte, wirkte phasenweise wie auf der Suche nach einem WLAN‑Signal - viel Bewegung, wenig Verbindung. Die wenigen Aufreger der Gäste bestanden aus zwei harmlosen Distanzschüssen und einer gelben Karte für Felix Afzelius nach einem rustikalen Einsteigen in der 35. Minute. Kingston blieb weitgehend diszipliniert, bis auch Grantham kurz vor Schluss Gelb sah - wohl mehr aus Langeweile als aus Notwendigkeit. Die Schlussphase glich einem Schaulaufen. Guillaume Pienaar, frisch eingewechselt, prüfte Carriere noch einmal (81.), doch der Keeper verhinderte Schlimmeres. Auf der Tribüne wurde schon getanzt, während Mahatma Haathi gelassen mit den Händen in den Taschen das 3:0 verwaltete. "Wir waren heute stark, aber nicht perfekt", meinte er später. "Ich hab’ immer Angst, dass meine Jungs nach dem 2:0 anfangen, über Salsa zu reden." Bull Bay wechselte zwar fleißig - Timm Klaus kam für del Rio, Callum Harrington für Hugo Manu -, doch der Effekt blieb aus. Die langen Bälle verpufften, die Offensive blieb blass. Die Statistik am Ende war so eindeutig wie der Spielstand: 15 Torschüsse zu 4, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Kingston, und ein Publikum, das sich noch Minuten nach dem Schlusspfiff in Gesang und Trommelrhythmen verlor. Fazit: Die Kingston Boys spielten mit Herz, Witz und Präzision - und Bull Bay sah über weite Strecken aus, als hätten sie den falschen Bus genommen. Wenn Haathis Team so weitermacht, wird das Stadion bald zu klein sein für die Euphorie. Oder wie Balzac es ausdrückte, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte: "Heute war’s keine Kunst - nur Spaß. Aber manchmal ist das das Gleiche." 01.05.643987 23:05 |
Sprücheklopfer
Ausblick, Ausblick, warum denn immer einen Ausblick? Worauf denn? Vielleicht einen Ausblick auf dieses Interview hier?
Christoph Daum