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Es war ein Montagabend, der in Kingston noch lange nachhallen dürfte. 59.000 Zuschauer verwandelten das Nationalstadion in ein blaues Tollhaus, als die Kingston Blues den Greenstars GSC mit 6:3 vom Rasen fegten. Wer einfach nur ein bisschen gepflegten Insel-Fußball erwartet hatte, bekam stattdessen ein Spektakel serviert, das irgendwo zwischen Samba, Slapstick und Sturmgewitter lag. Dabei begann alles nach Plan - allerdings für die Gäste. Schon in der 6. Minute stürmte Greenstars-Stürmer Charlie Cochran nach feiner Vorarbeit von Thierry Maurice durch die Mitte und drosch den Ball unter die Latte. "Ich dachte, wir wären jetzt im Spiel", meinte Trainer Ostkurve Berlin nach der Partie mit einem bitteren Grinsen. "Aber dann hat Kingston entschieden, dass sie heute lieber Basketball spielen wollen - Sechs Treffer, das ist ja fast zweistellig!" Denn ab der 18. Minute gab es für die Blues kein Halten mehr. Ellis Chisholm glich nach einem mustergültigen Pass von Leon Marot aus - der erste von vielen Momenten, in denen das Duo den Greenstars Kopfzerbrechen bereitete. Nur 15 Minuten später drehte Lewis Devereux mit einem herrlichen Schuss aus spitzem Winkel die Partie. Zur Pause stand es 2:1 - und man hatte das Gefühl, dass die Blues erst warm liefen. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr schon so viel Ballbesitz habt, dann macht wenigstens was draus", lachte Kevin Tüllinghoff, der Trainer der Kingston Blues. Mit 54,7 Prozent Ballbesitz und 22 Torschüssen war seine Mannschaft so dominant, dass selbst die Stadiontaube auf der Flutlichtlampe irgendwann von Langeweile zu gurren begann. Nach der Pause kam es knüppeldick für die Gäste. Innenverteidiger Isaac Bail schaltete sich bei einer Ecke ein und köpfte zum 3:1 (50.) - sein erster Treffer der Saison. Vier Minuten später traf der überragende Leon Marot selbst, diesmal nach Vorarbeit von Devereux. Die Greenstars wirkten zu diesem Zeitpunkt wie ein angeschlagener Boxer, der noch immer glaubt, er könne die Runde überstehen. In der 62. Minute setzte Paulus Bengtsson mit einem satten Distanzschuss das 5:1 drauf. "Ich hab einfach mal draufgehalten - und gehofft, dass keiner lacht, wenn’s drüber geht", grinste der Mittelfeldroutinier später. Es ging nicht drüber. Es ging mitten durch die grüne Verzweiflung. Doch die Greenstars gaben sich nicht völlig auf. Der junge Jacob Hubbert nutzte in der 81. Minute eine Unachtsamkeit der Blues-Abwehr zum 5:2, und sein Teamkollege Liam Burton setzte in der 89. Minute mit einem beherzten Volley den dritten Treffer drauf. Für einen Moment roch es nach Aufholjagd - oder zumindest nach kosmetischer Ergebniskorrektur. Dann, fast schon als Antwort auf jede Art von Hoffnung, sorgte Lewis Devereux in der Nachspielzeit mit seinem zweiten Treffer des Abends für den endgültigen Knockout. 6:3. Und das Publikum tobte. "Lewis hat heute gespielt, als hätte er zwei Herzen", schwärmte Trainer Tüllinghoff. "Und Leon Marot war wohl in der Küche des Fußballgotts frühstücken - was der an Pässen serviert hat, war Fünf-Sterne-Menü." Tatsächlich war Marot an drei Toren direkt beteiligt und lenkte das Spiel, als hätte er einen Joystick in der Hand. Die Greenstars hingegen standen am Ende mit hängenden Köpfen auf dem Platz. "Wir waren aggressiv, engagiert - aber irgendwie auch ständig einen Schritt zu spät", analysierte Ostkurve Berlin nüchtern. Sein Team kam lediglich auf sieben Torschüsse, was in einem Spiel mit neun Gegentreffern fast schon wie eine Randnotiz wirkt. Ein besonderes Kuriosum am Rande: Nach einem Missverständnis bei der Auswechslung in der 74. Minute wechselten die Greenstars ihren Torwart Vincent Abbadie aus - allerdings nicht wegen Verletzung, sondern weil der junge Jay Dunn "mal Spielpraxis" bekommen sollte. Dunns erster Ballkontakt? Der fünfte Gegentreffer. Die Kingston Blues zeigten an diesem Abend, warum sie zu den torgefährlichsten Teams der Liga gehören. Offensivfreude, Laufbereitschaft und ein selbstironischer Humor, der sie selbst nach Gelben Karten (Joel Cochrane in der 46., Lewis Brongniart in der 51.) noch lachen ließ. "Wenn wir so weitermachen, brauchen wir bald zwei Anzeigetafeln", sagte Devereux augenzwinkernd nach Abpfiff. Und tatsächlich: Mit 6:3 (2:1) gegen die Greenstars GSC lieferte Kingston nicht nur ein Ergebnis, sondern ein Fußballfest. Fazit? Die Blues spielten wie in einem Karnevalsumzug, die Greenstars wie im falschen Film. Aber wer ehrlich ist, weiß: Genau deswegen lieben wir diesen Sport. In Kingston wird man noch lange davon erzählen - vielleicht sogar bis zum nächsten Montagabend. 16.11.643987 00:38 |
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