// Startseite
| Jamaica News Bulletin |
| +++ Sportzeitung für Jamaica +++ |
|
|
|
Ein lauer Abend in Kingston, 55.874 Zuschauer im Stadion, der Rasen glänzte wie frisch gebügeltes Leinen - kurz: perfekte Bedingungen, um ein bisschen Fußballpoesie zu betreiben. Die Kingston Blues und Bull Bay lieferten beim 4. Spieltag der 1. Liga Jamaica ein packendes 2:1, das alles hatte: Tempo, Drama, Gelbe Karten, und eine Prise karibische Nonchalance. Schon die ersten Minuten ließen keine Langeweile aufkommen. Bull Bays Juanito Mendez prüfte Blues-Keeper Dimas Hermenegildo in der zweiten Minute mit einem Schuss, den der Torwart mit einem halben Hechtsprung und einem ganzen Schrei parierte. "Ich wollte nur wach bleiben", grinste Hermenegildo später, "so früh am Abend schlafe ich sonst fast ein." Es war das Signal zum Angriff: Die Blues, unter Trainer Kevin Tüllinghoff bekannt für ihren kompromisslosen Konterfußball, antworteten mit langen Bällen hinter die Abwehr. Und in der 21. Minute war es soweit: Valentino Belvedere, der Mann mit der Stürmerfrisur aus den 90ern und der Präzision eines Schweizer Uhrwerks, traf zum 1:0. Vorlage kam von Bram Dorland, der kurz darauf mit einer Auswechslung schonen durfte - wahrscheinlich, um seinen Assist in Ruhe zu feiern. Doch Bull Bay wäre nicht Bull Bay, wenn sie einfach brav zuschauen würden. Nur acht Minuten später, in der 29. Minute, glich Jakub Lukes aus - ein trockener Schuss ins rechte Eck nach Vorarbeit von Moritz Jahn. Der Jubel der Gäste klang wie eine Samba-Version von "Jetzt geht’s los". "Wir dachten, jetzt kippt das Spiel", sagte ihr Coach Sports Mann, der seinem Namen an diesem Abend alle Ehre machte. Aber noch vor der Pause schlugen die Blues wieder zu. Dominique Bettencourt, der linke Flügelflitzer, drosch in der 39. Minute eine Flanke von Verteidiger Joel Cochrane kompromisslos unter die Latte. 2:1 - und das Stadion kochte. "Ich hab den gar nicht richtig getroffen", gab Bettencourt nach dem Spiel zu, "aber manchmal küsst der Ball eben deine Seele - und fliegt dahin, wo er soll." Zur Pause war das Spiel so offen wie eine Bar am Hafen von Port Royal. 48 Prozent Ballbesitz für Kingston, 52 für Bull Bay - aber 2:1 Tore für die Blues. Die Gäste hatten mehr Kontrolle, die Hausherren mehr Zielstrebigkeit - 15:11 Torschüsse am Ende sprechen Bände. In Halbzeit zwei wurde weniger gezaubert, dafür mehr gearbeitet. Bull Bay schob an, die Blues konterten, und irgendwo dazwischen stand Schiedsrichterin Lorna Mitchell, die mit zwei Gelben Karten ihre Autorität bewahrte: Pascal Berthier (19.) für ein rustikales Grätschen, und Quinter Boryn (91.) für das, was man wohl "zeitverzögertes Einsteigen" nennen muss. Die Trainer reagierten taktisch: Tüllinghoff nahm Dorland zur Pause raus und brachte den jungen Thierry Neville - ein Wechsel, der auf der Tribüne für Stirnrunzeln sorgte. "Da wollte ich einfach mal sehen, ob der Junge atmen kann, wenn’s ernst wird", lachte Tüllinghoff später. Neville konnte - und schoss in der 86. Minute fast das 3:1, aber Bulls Keeper Henri Carriere fischte den Ball artistisch aus dem Winkel. Bull Bay warf in der Schlussphase alles nach vorne. Sports Mann brachte Joao del Rio und Alexander MacMillan, die sich redlich mühten, aber an der blauen Mauer abprallten. Vor allem Innenverteidiger Joel Cochrane spielte, als hätte er noch eine Stromrechnung offen - kompromisslos und mit einer Ruhe, die eher an Zen als an Abwehrarbeit erinnerte. Als die Nachspielzeit anbrach, sang das Stadion - und diesmal nicht wegen der Musik. Die Blues retteten das 2:1 über die Zeit, während Bull Bay noch zwei letzte Schüsse abgab (Joao del Rio in der 88., Fehmi Karaer in der 90.), beide direkt in die Arme von Hermenegildo. "Wir haben das heute mit Herz gewonnen", sagte Tüllinghoff nach Abpfiff, "und ein bisschen mit Glück, aber Glück gehört ja bekanntlich zum guten Plan." Sein Gegenüber Sports Mann sah’s anders: "Wir hatten mehr Ballbesitz und bessere Haare, aber leider zählt das nicht in der Tabelle." So endete ein Spiel, das nicht nur wegen der Tore, sondern wegen seiner Intensität in Erinnerung bleiben wird. Kingston Blues bleiben damit oben dran, Bull Bay fährt mit leerem Tank, aber erhobenem Kopf nach Hause. Und irgendwo in der lauen Nacht von Kingston, zwischen Musik, Meer und Mango-Duft, summt einer der Fans: "Blues never lose." Na ja - fast nie. 03.07.643990 15:15 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer