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59.000 Zuschauer im prall gefüllten Kingston Park erlebten am Dienstagabend das, was man in der Fußballsprache wohl ein "gerechtes Unentschieden mit Nervenkitzel" nennt. Die Kingston Blues und UD Bucaramanga trennten sich in der Copa Libertadores-Gruppenrunde 1:1 - ein Resultat, das beiden Teams schmeckt wie lauwarmer Tee, aber wenigstens niemandem auf den Magen schlägt. Schon in den ersten Minuten deutete sich an, dass hier kein gemütlicher Abend werden würde. Die Blues, mit Trainer Kevin Tüllinghoff gewohnt körperbetont, suchten ihr Glück in langen Bällen und Zweikämpfen, während Papa Ancelottis Bucaramanga einen gepflegten Ball über die Flügel bevorzugte. "Wir wollten die Kontrolle behalten, nicht den Ball verlieren - aber beides gleichzeitig war offenbar zu viel verlangt", schmunzelte Ancelotti später mit einem Schulterzucken. Die Gäste begannen druckvoll. Bereits nach sieben Minuten prüfte Charles Prinsloo den Kingston-Keeper Dimas Hermenegildo, der mit den Fingerspitzen rettete. Die Kolumbianer rochen ihre Chance - und nutzten sie in der 20. Minute: Der flinke Damiano Decollatura vollendete nach Vorarbeit von Attila Radoki zum 0:1. Ein Treffer aus dem Lehrbuch: Flanke, Kopfball, Jubel. Die Blues-Verteidiger wirkten in dieser Szene wie Statisten in einem Werbespot für Schlafmittel. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", verteidigte sich Innenverteidiger Rene Carter später halb lachend, halb schuldbewusst. Bis zur Pause blieb Bucaramanga tonangebend, mit 13 Torschüssen insgesamt und leichtem Ballbesitzvorteil (50,6 Prozent) war das Gäste-Team das aktivere - auch wenn die Blues immer wieder gefährlich konterten. Ein Raunen ging durchs Stadion, als Leon Marot in der 17. Minute aus 20 Metern abzog, der Ball aber knapp am Pfosten vorbeistrich. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild. Tüllinghoff brachte frisches Blut und Mut: "Ich hab ihnen in der Kabine gesagt: Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens hübsch dabei aussehen." Ab der 46. Minute spielten die Blues offensiver - und plötzlich kippte die Partie. Die Fans spürten es, das Stadion vibrierte, und in der 68. Minute war es so weit: Dominique Bettencourt, der Linksaußen mit der Frisur eines Rockstars, traf nach uneigennützigem Zuspiel von Marot zum 1:1. Der Jubel? Eher ein Beben. Selbst der Stadionsprecher brauchte Sekunden, um wieder Luft zu holen. Nach dem Ausgleich entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Die Blues warfen alles nach vorne, Bucaramanga konterte - mal klug, mal kopflos. In der 80. Minute wurde es turbulent: Der junge Dimas Mascarenhas von Bucaramanga blieb nach einem Zweikampf liegen und musste verletzt raus. "Ich hab nur das Gras gerochen, dann den Himmel gesehen", witzelte er später, nachdem klar war, dass nichts Schlimmeres passiert war. Kurz vor Schluss wurde es noch einmal wild. Christophe Besson, ohnehin der auffälligste Kingston-Spieler, kassierte in der 88. Minute Gelb, weil er den Ball etwas zu temperamentvoll "wegstellte". In der Nachspielzeit sah dann auch Bram Dorland Gelb - wohl mehr aus Prinzip als aus Notwendigkeit. Der Schiedsrichter hatte offenbar beschlossen, dass jede gute Geschichte eine gelbe Karte als Schlusspunkt braucht. Am Ende blieb es beim 1:1, statistisch eine Punktlandung: 49,4 Prozent Ballbesitz für Kingston, 50,6 für Bucaramanga. Acht Torschüsse der Blues, dreizehn der Gäste, drei Gelbe Karten, ein paar blaue Flecken und ein Gefühl von "Da war mehr drin". "Ich nehme den Punkt, aber nicht das Spiel", resümierte Trainer Tüllinghoff gewohnt trocken. "Wir waren in der ersten Hälfte zu brav. In der zweiten haben wir wenigstens gebellt." Auf der anderen Seite zeigte sich Papa Ancelotti milde: "Ein Remis auswärts ist kein Unglück. Aber wenn man so viele Chancen liegen lässt, ist es fast eins." Während die Spieler nach Abpfiff noch auf dem Rasen diskutierten, applaudierte das Publikum. Der Abend hatte alles geboten, was man vom südamerikanischen Fußball erwartet - Tempo, Drama und ein bisschen Theatralik. Nur das Ergebnis passte nicht so recht zur Leidenschaft. Vielleicht ist das aber gerade die Pointe: Kingston Blues und UD Bucaramanga lieferten sich ein Duell auf Augenhöhe, in dem keiner als Sieger vom Platz ging, aber beide als Überlebende. Und wer weiß - vielleicht sehen sich die beiden bald im Rückspiel wieder. Dann hoffentlich mit weniger Gelben Karten und mehr Toren. Oder, wie Bettencourt beim Rausgehen grinste: "Beim nächsten Mal schießen wir den Ball nicht aufs Tor, sondern ins Netz." 30.08.643990 11:18 |
Sprücheklopfer
Ich hatte vor der Saison ein Angebot aus England. Wäre ich bloß hingegangen. In England ist Fußball wenigstens noch Männersport und nichts für Tunten.
Axel Kruse nach einer roten Karte