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59.000 Zuschauer in Kingston sahen am Samstagabend ein hitziges, teils chaotisches Bruderduell an der Seitenlinie - Kevin gegen Hermann Tüllinghoff. Am Ende grinste nur einer der beiden: Hermanns Falmouth Villagers gewannen das Karibik-Derby bei den Kingston Blues mit 3:2 (2:0) und kletterten damit in der 1. Liga Jamaica weiter nach oben. Es war eines jener Spiele, bei denen man früh das Gefühl hat, das Drehbuch sei schon in der Kabine geschrieben worden - und zwar von Finlay Hannigan höchstpersönlich. Der 32‑jährige Mittelstürmer der Villagers erzielte gleich drei Treffer (5., 29., 53.) und ließ die Blues‑Abwehr aussehen, als hätte sie sich in den Pausenraum verirrt. "Ich hatte heute einfach das richtige Timing", grinste Hannigan nach dem Spiel. "Und vielleicht ein bisschen zu viel Kaffee." Schon nach fünf Minuten klingelte es: Hannigan verwertete eine scharfe Hereingabe von Robert Desjardins eiskalt. Torwart Nelson Frechaut sah nur noch den Ball im Netz und schimpfte danach so laut, dass selbst die Tauben auf der Tribüne kurz verstummten. In der 29. Minute war es wieder Hannigan, diesmal nach Vorlage des jungen Joel Marshal, der zum 0:2 einschob. Trainer Kevin Tüllinghoff raufte sich die Haare und schickte seine Verteidiger gestikulierend in ein imaginäres 3‑0‑0‑7‑System - sieben Mann gegen Hannigan. Half nichts. "Wir haben die ersten 30 Minuten komplett verschlafen", knurrte Blues‑Kapitän Jerome Carey später. "Das war, als hätte jemand die Snooze‑Taste gedrückt." Zur Pause reagierte Kevin Tüllinghoff. Gleich drei Wechsel - frisches Blut, vielleicht auch ein bisschen Verzweiflung. Der junge Harry Willoughby (18) kam für den ausgepumpten Ricardo Jordao, Isaac Bail ersetzte den unglücklichen Thomas Dubois, und Roger Fryer sollte rechts für mehr Dynamik sorgen. Die Maßnahme zeigte Wirkung: Kaum fünf Minuten nach Wiederanpfiff traf Max Bethune nach Fryer‑Vorarbeit zum 1:2 (49.). Das Stadion explodierte förmlich, und man spürte plötzlich wieder diesen alten Blues‑Spirit, irgendwo zwischen Rhythmus und Trotz. Doch kaum hatte man sich an den Gedanken eines Comebacks gewöhnt, schlug Hannigan erneut zu. In der 53. Minute nahm er einen Pass des erfahrenen Moritz Brun direkt - 3:1 für die Villagers. "Da kannst du als Trainer nur klatschen", meinte Hermann Tüllinghoff später mit einem Augenzwinkern. "Das war fast zu schön für ein Auswärtsspiel." Immerhin stemmten sich die Blues weiter dagegen. Eine Minute nach dem dritten Gegentor schoss Bethune erneut zu - diesmal nach feiner Vorarbeit des 17‑jährigen Stephane Jean‑Pierre. 2:3. Noch eine halbe Stunde blieb. "In dem Moment dachte ich: Jetzt drehen wir’s!", erzählte Jean‑Pierre später, der am Ende aber mit gesenktem Kopf vom Platz ging - nicht nur wegen der Niederlage, sondern auch wegen seiner Roten Karte in der Nachspielzeit (95.). Die Schlussphase war ein wilder Ritt: Gelbe Karte für Thierry Neville (41.), Rot für Isidoro Cortes (92.) nach rustikalem Einsteigen, eine weitere Verwarnung für Serafim Choutos (93.) - es war, als hätten die Schiedsrichter plötzlich noch Punkte fürs Kartenverteilen bekommen. Das Publikum feierte es trotzdem, denn langweilig war dieser Abend sicher nicht. Statistisch gesehen war’s fast ausgeglichen: 50,5 % Ballbesitz für Kingston, 49,5 % für Falmouth. Doch die Villagers schossen mit 17 Torschüssen mehr als doppelt so oft auf den Kasten wie die Blues (8). "Man kann kein Spiel gewinnen, wenn man immer erst nach dem dritten Tor aufwacht", seufzte Kevin Tüllinghoff in der Pressekonferenz. Bruder Hermann grinste nur: "Ich hab ihm vorher gesagt, wer zuerst Kaffee trinkt, gewinnt. Er hat mir nicht geglaubt." Am Ende blieb den Blues nur der Applaus der eigenen Fans und das Gefühl, es in der zweiten Hälfte wenigstens versucht zu haben. Finlay Hannigan wurde unter tosendem Applaus der mitgereisten Villagers‑Anhänger zum Spieler des Spiels gekürt - dreimal getroffen, dreimal eiskalt, dreimal der Unterschied. Und während sich die Tüllinghoff‑Brüder nach dem Schlusspfiff umarmten - der eine erleichtert, der andere innerlich kochend -, stand über dieser Partie ein Satz, den man in Kingston wohl nicht so schnell vergisst: Wer Hannigan nicht stoppt, hat schon verloren. Vielleicht hilft ja beim nächsten Mal ein stärkerer Kaffee. 04.05.643990 22:08 |
Sprücheklopfer
Wenn ein Tor fällt, können noch mehr fallen. Aber es muss erst mal eins fallen.
Erich Ribbeck